Von Udo Perina

Hier, wie auch an vielen anderen Orten, springen halbwüchsige Jungen von einer passenden Klippe ins Meer und tauchen nach Geldstücken, die die Badegäste hinunterwerfen", heißt es in einer Erzählung des schwedischen Schriftstellers Stig Dagerman. "Einmal soll es vorgekommen sein, daß ein Junge sich den Schadel zerschlagen hat, als jemand ein Zweikronenstück ganz dicht an der Felskante versinken ließ. Aber um so große Münzen handelt es sich in der Regel nicht; man hat gemerkt, daß die Jungen genauso willig nach Fünfundzwanzigörestücken tauchen, und eine der Schönheiten des Hotels geht mit einem Täschchen vor dem Bauch lächelnd umher und wechselt den Gästen die Scheine in Kleingeld um."

Sparer und Geldanleger sollen hier zwar nicht mit halbwüchsigen Jungen verglichen werden, die zu jedem Wagnis bereit sind, sowie man ihnen einen kleinen Gewinn in Aussicht stellt. In fiktiven Geschichten über Geld, wie sie der Frankfurter Suhrkamp Verlag in dem Lesebuch "Kopf oder Zahl" zusammengestellt hat, stecken aber oft mehr Wahrheiten als in Fachbuchern. Doch wer schaut schon in die belletristische Literatur, wenn er wissen will, wie man möglichst schnell und bequem reich wird? Gefragt ist dann vielmehr der kompakte Ratgeber, der nicht lange darüber sinniert, was Geld eigentlich ist und welchen Interessen es dient, sondern der klipp und klar sagt, wie es mehr wird.

Kioske, Buchläden, Kaufhäuser und sogar Supermärkte bieten massenweise Fachbücher und Magazine, die heiße Tips für Sparer und Anleger versprechen. Taschenbücher wie Willi H. Grüns Klassiker "Mehr Geld verdienen mit Aktien" haben sich zu Bestsellern entwickelt. Die Ursache des Booms liegt im hohen Sparvermögen. Die Bankkonten der deutschen Mittelklasse, insbesondere der kinderlosen Doppelverdiener, quellen über und werfen die Frage nach der möglichst rentablen Anlageform auf. Und auch die Bürger der ehemaligen DDR wollen jetzt alles über Geld wissen. "1000 ganz legale Steuertricks" von Franz Konz ist angeblich das bestverkaufte Westbuch im Osten.

Zu den Rennern unter den Geld-Ratgebern zählen auch Bücher über die Börse. Die sogenannte "Jahrhunderthausse" in den achtziger Jahren hat viele brave Sparer, die sich bisher mit vergleichsweise mageren Zinsertragen abfinden mußten, neugierig auf Aktien gemacht. Clevere Autoren nutzen dieses Interesse aus. Sie versprechen, wie etwa ein bayerisches Journalistenteam in dem Buch "Blickpunkt Börse", daß mit einer Geldanlage in Aktien auch ein "Kleinanleger höhere Gewinne erzielen (kann) als mit jeder anderen Sparform."

In bester Tradition des alten Borsenfilous André Kostolany nähren die Borsenratgeber die Illusion, fette Gewinne wie in den goldenen Achtzigern seien immer und auch in Zukunft möglich. Daß die Chance auf Borsengewinne um so geringer wird, je mehr die Aktien bereits gestiegen sind, verschweigen sie ihren Lesern dezent. "Noch nie war es so einfach, mit wenig Einsatz so viel Geld an der Börse zu verdienen", verspricht zum Beispiel Karl-Heinz Bilitza in seinem neuen Taschenbuch "Mehr Geld verdienen an der Börse".

Wie viele andere Ratgeber bestehen auch jene für Geldanleger oft aus unkritisch zusammengetragenem Fachwissen. Die Autoren kommentieren und analysieren nicht, wie man es von fundierten Sachbuchern erwarten kann. Sie machen sich meist auch nicht die Muhe, ihre Aussagen nachvollziehbar herzuleiten oder zu begründen. Und erst recht gestehen sie keine Unsicherheiten oder gar Unkenntnisse ein. Vielmehr spielen sie den allwissenden Fachmann, dem der Leser blind vertrauen soll.