Von Fritz J. Raddatz

Zuerst bekommt man einen Schreck; will man ernsthaft ein Buch lesen, das so beginnt: "Am 4. Februar, einem Mittwoch, brachte die dreißigjährige Hausfrau Hedwig Andersch im Nymphenburger Krankenhaus in München ihr zweites Kind zur Welt: Alfred Hellmuth Felicitas Andersch"? Doch glücklicherweise verläßt Stephan Reinhardt diesen Klein-Alfred-mit-dem-Buddeleimer-Ton rasch. Und was ihm dann gelingt, ist ein hochinteressantes Stück Zeitgeschichte anhand einer Biographie. Dadurch wird das Buch seinem "Helden" auf ganz spezifische Weise gerecht: Vom Jungkommunisten und Dachau-Häftling bis zum "Winterspelt"-Autor und Fortschrittsskeptiker spiegelt das Leben Alfred Anderseits auf geradezu erschreckende Weise die Hoffnungen, Schründe und Debakel der "deutschen Zeit" dieses Jahrhunderts. Es mag bedeutendere Schriftsteller geben; wenige waren so schonungslos ehrlich mit sich selber. Dadurch ist er ein Chronist par excellence. Während Millionen stolz darauf waren (sind), Hitlers Waffenrock als "anständiger Soldat" getragen zu haben, schämt sich Alfred Andersch seines Eids auf den Verbrecher: "Ich war derart auf den Hund gekommen, daß ich einen deutschen Sieg für möglich hielt. Ich gab damals der Kanalratte eine Chance. Jedesmal, wenn ich daran denke, spucke ich innerlich vor mir aus."

Stephan Reinhardt macht sich die Noblesse dieser Haltung gleichsam zunutze und kann auf diese Weise die vielen Leben eines immerwährenden Deserteurs vorführen: anfangs aus der Nazi-Armee, später aus allen denkbaren ideologischen Lagern und schließlich sogar von seinem lebenslangen Idol Thomas Mann. Das war nicht wendig, sondern aufrecht. Deshalb konnte Andersch schon 1950 die Frage stellen, die wir im Augenblick ganz neu entdecken: Weshalb "Menschen, deren ganzes Denken und Schaffen der Freiheit gilt – Aragon, Picasso, Eluard, neuerdings auch Sartre –, sich mit einer Partei verbinden (= KP), die überall dort, wo sie zur Macht gekommen ist, die schärfste Unterdrückung herbeiführt".

Es war diese Souveränität des Denkens, die Andersch zum grandiosen Inszenator geistiger Dispute machte – mal zwischen Eugen Kogon, Adorno und Horkheimer, mal über Brecht und Benn; ob Ernst Jünger (den er leider zeitlebens verehrte) oder Thomas Mann, Sartre oder Proust, später der von ihm "entdeckte" Enzensberger oder Arno Schmidt: Alfred Andersch, anfangs im Hessischen Rundfunk, dann viele Jahre im Süddeutschen Rundfunk, erfand sozusagen das Radio noch einmal. Es wurde unter Anderschs Regie das Medium hochbrisanter Diskurse, komplizierter Texte – von Celan bis René Char – und der von ihm selber als Autor wesentlich mitentwickelten Form des Reise-Essays.

Das Leben dieses brillanten Talentsuchers – von Stephan Reinhardt treffend als "immer auf der Suche nach Ein- und Widerspruch" charakterisiert –, der begierig Golo Manns Verständnis vom "Rundfunk als Mäzen ernstzunehmender Literatur" einzulösen versuchte, ist wie kaum das eines anderen deutschen Literaten geeignet, die Kulturgeschichte der Adenauer-Zeit zu manifestieren.

Das ist das Verdienst dieser Biographie. Offenbar auf der Basis akribischer Recherchen wird das Entstehen dieses singulären "Verlagsprogramms im Äther" nacherzählt; hier ein Robert-Musil-Essay, da eine Borges-Erzählung; nur folgerichtig, daß Andersch aus dieser Fähigkeit zu Kontakten und zum Aufspüren erstklassiger Begabungen seine Zeitschrift Texte und Zeichen schuf. Spannend an Reinhardts Buch ist aber mehr noch das Heraufholen der politischen Auseinandersetzungen – sei es der dezidiert antikommunistischen Haltung Anderschs, der keine Berührungsängste vor Arthur Koestler hatte (er kannte ihn aus den frühen Ruf-Tagen), die DDR offen einen "Satelliten Moskaus" und Stalin und Ulbricht "die größten Feinde der Kunst" nannte; sei es sein Kampf um einen Text von Arno Schmidt, gegen den die katholische Kirche als "unzüchtig" prozessierte, oder sei es die Auseinandersetzung mit Günter Grass, dessen direkte Teilnahme an Parteipolitik er ablehnte.

In seiner Büchner-Preis-Rede hatte Grass 1965 Andersch und Böll scharf angegriffen: "Im Chor der Redner vermißte ich Stimmen. Wo sind die geblieben, denen vor Jahren noch das politische Dauer-Engagement einigen Nachtprogramm-Flair verliehen hatte? Wo, Alfred Andersch, hat Ihre beredte Entrüstung die Milch der Reaktionäre gesäuert? Wo, Heinrich Böll, hat Ihr hoher moralischer Anspruch die bigotten Christen erbleichen lassen?" Darauf antwortete Andersch mit einer "Erklärung" in der FAZ, die man durchaus als Bestimmung der eigenen Position lesen kann: Das Beobachten von Eisbären habe ihm eben mehr Spaß gemacht "als der Anblick erstklassiger Schriftsteller, wie sie, verführt von Günter Grass, für sechstklassige Politiker Wahlreden umschreiben ... Für dieses Verbrechen habe ich die Diffamierung meines persönlichen und literarischen Wegs vom Konzentrationslager Dachau bis zu den ‚Kirschen der Freiheit‘ durch den Kollegen Grass in öffentlicher Sitzung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt völlig verdient."