Von Helga Hirsch

In sechs Wochen werden die Polen zum ersten Mal in freien Wahlen ihren Staatspräsidenten bestimmen. Doch das Pathos der geschichtlichen Situation vermag nicht über die Qual der Wahl hinwegzutäuschen.

Schon lange hatte Lech Walesa die Werbetrommel für sich gerührt. Nun endlich hat auch Tadeusz Mazowiecki seine Kandidatur bekanntgegeben. Jetzt müssen die Polen sich entscheiden – zwischen dem Haudegen aus Danzig und dem besonnenen Intellektuellen aus Warschau.

Längst sind die Kampfgefährten aus den Zeiten der Illegalität politische Gegner geworden. Was Mazowiecki mit kalkulierten Schritten und rechtsstaatlichen Mitteln zu erreichen sucht, strebt Walesa im Hauruckverfahren an, notfalls auch unter Umgehung demokratisch legitimierter Körperschaften. Zur Wahl stehen also nicht nur verschiedene Programme, sondern vor allem unterschiedliche Führungsstile. Die eigentliche Alternative in dieser Auseinandersetzung läßt sich daher kaum sachbezogen definieren. In erster Linie wird es statt dessen um die Frage gehen: Will Polen künftig einen starken Mann oder eher eine tatkräftige Regierung?

Wieder einmal hat der Arbeiterführer das Gesetz des Handelns an sich gerissen. So wie er den Runden Tisch angestiftet und eine breite Koalitionsregierung von Solidarnosc bis zu den Kommunisten verlangt hatte, so befand er jetzt, jene Übergangsregelung, die den Kommunisten 65 Prozent der Sitze im Sejm und den Staatspräsidenten sicherte, habe sich überlebt – Jaruzelski müsse gehen. Und der General stellte sein Amt in einer nicht anders als bescheiden zu nennenden Geste zur Verfügung: In diesem stillen Abschied lag ein Hauch von souveräner Größe. Doch was wird nach ihm kommen?

Vor wenigen Monaten noch lag die Popularität von Regierungschef Mazowiecki weit über der des streitsüchtigen Gewerkschaftsführers. Nun aber spricht vieles für einen Sieg von Lech Walesa. Nach einem Jahr sieht der Bürger keine durchschlagenden Effekte des Systemwechsels. Die Hyperinflation ist zwar eingedämmt, aber die Preise stiegen in diesem Jahr weiter um 170 Prozent.

Die Arbeitslosenzahl wuchs bereits auf 800 000 an, aber die Privatisierung der 7000 staatlichen Großbetriebe steht erst noch bevor. Das Parlament verzehrte sich in Marathonsitzungen, aber der Dschungel der Verwaltung hat sich nicht gelichtet. Die Hoffnung der Bürger schwindet, die Desorganisation nimmt zu. Wer Energie hat, wirft sich auf den Handel: Wo wenig stabil ist, will jeder schnelles Geld machen.