Die Stasi ist "drüben" immer noch das Thema Nummer eins. Manche westlichen Kommentatoren versuchen, sich in diese Mentalität einzufühlen, und entdecken plötzlich den Bundesnachrichtendienst als Thema. Andere versuchen es mit dem Gestapo-Bezug und merken wohl auch, daß der Vergleich gewaltig hinkt. Man gibt so ungern zu, daß ein Phänomen wie dieses nicht auf Anhieb zu begreifen ist.

Das Stasi-Syndrom hat nicht nur die Randgruppe der Opfer erfaßt; es geht nicht um eine Fehde zwischen Dissidenten und Geheimpolizei, die nun offen und öffentlich ausgebrochen ist. Nein, jeder hat seine Aktie an diesem Großunternehmen. Die Firma prosperierte mit der allgemeinen Furcht, die sie auslöste. Und sie blähte sich auf am vereinzelten Mut zum Widerstand. Das Stasi-Unternehmen hat Feiglinge und Helden produziert, en masse. Seine Leistungen sind nicht in Mark und Pfennig auszudrücken, aber sie waren gleichwohl gewaltig. Nur eben diese Umkehrung: Die eigentlichen Verlierer waren (und sind zum Teil noch) in Amt und Würden, die eigentlichen Sieger aber waren (und sind zum Teil auch noch) die Deklassierten.

Die "moralische Isolation" und die Konspiration, unter der größte Teile der Kommunikation in der DDR liefen (die oppositionellen Teezirkel ebenso wie die "Forschungsarbeiten" der Stasi und die chiffrierten Verlautbarungen in den DDR-Medien), sorgten dafür, daß ein öffentliches Bewußtsein für diesen stillen Kampf nie entstehen konnte. Wenn man heute die Bekenntnisse junger Stasi-Männer liest, ist man verblüfft von ihrer subjektiven "Rechtschaffenheit", vom völligen Mangel moralischer Kriterien. Was ein "Vertrauensbruch" ist und wie schwer er wiegt? Daß Verrat vielleicht damit zu tun hat, daß man jemandem etwas verrät? – stummes Achselzucken.

Potsdam 1980: Auf einer Feier waren viele Oppositionelle und einige, die ich als Stasi-Leute kannte. Nach einem längeren Gespräch über die "Reinhaltung" ihres Kreises sagte mir die Gastgeberin, daß dies nicht nur nicht mehr möglich sei, sondern auch unsinnig. Die Sicherheit wisse ohnehin alles über uns, und: wir säßen alle zusammen im selben Boot. Wir spielten alle dasselbe Spiel, allerdings mit verteilten Rollen.

Ich bin damals ausgerissen, vielleicht, weil ich Angst hatte, in dieser allzu toleranten Atmosphäre auch allmählich zu vergessen, was man darf und was nicht. Dieser interne Kampf um moralische Werte war vielleicht die eigentliche Leistung der DDR-Bürger in den achtziger Jahren. Doch erst jetzt kann die "Ernte" dieser Zeit eingebracht werden. Zu "ernten" heißt, sich bewußt zu werden, wie man sich verhielt unter den extremen moralischen Bedingungen. In der Sicherheit der "Sicherheit" zu wohnen: Endlich raus aus dem enervierenden Dauerclinch mit dem Staat, aus den materiellen Sorgen, endlich auch einen Paß haben, ein anständiges Auto fahren, eine anständige Wohnung beziehen, den Kindern ein angenehmes Zuhause bieten ... Oder: sich hartnäckig raushalten und folglich auch hartnäckig "rausgehalten" werden?

Zu "ernten" heißt nun, die moralischen Kategorien, die da im Untergrund gereift sind, in ihr Recht zu setzen und vielleicht Allgemeingut werden zu lassen. Die Leute, die da hungerstreikend vor den Akten hockten, saßen vor der eigentlichen Leistung ihres Lebens, dem ja nicht selten die offiziellen Entfaltungschancen verwehrt blieben. Sie hockten da, weil sie darauf bestehen müssen, daß sie etwas geleistet haben in den Jahren, in denen ihre Altersgenossen im Westen studierten oder arbeiteten. Es war keine vertane Zeit, wenn dies Widerstehen einen Sinn hatte, der auch anerkannt wird. Die Akten – die vielbeschworenen und so oft banalen Aufzeichnungen der Behörde sie sind auch ein Symbol für das, was in der DDR tatsächlich gesät wurde an innerem Widerstand und nun darauf wartet, geerntet und vielleicht bearbeitet zu werden.

Martin Ahrends