Halte fern den Feind

Irgendwie hat es uns Nordlichter doch überrascht, der geschätzten Süddeutschen Zeitung zu entnehmen, daß man in der CSU die Ortschaft Altötting als ein geistiges Zentrum Bayerns versteht. Wieso Altötting, das uns bisher nur durch den Gasthof "Zur Post", Kapellplatz 2, und einen Gastronomen namens Gerold Tandler bekanntgeworden war? Wir sind der Sache nachgegangen und können sie vollinhaltlich bestätigen.

Im Gnadenort Altötting nämlich werden die sterblichen Überreste von Vorgängern des Landesfürsten Max Streibl aufbewahrt: In den Wandschränken der heiligen Kapelle, gegenüber dem Gnadenbild einer Schwarzen Madonna, ruhen die Herzen von zwo Kurfürsten, sechs Königen, zwo Königinnen sowie von Tilly, alle Bayern. Generalissimus Tilly führte im Dreißigjährigen Krieg die Truppen der Katholischen Liga gegen die Protestanten ins Feld, wobei unter anderem leider Magdeburg abbrannte und nur jeder sechste der 30 000 Einwohner mit dem Leben davonkam. Aber das ist lange her.

Aktuelle geistig-zentrale Bedeutung hat Altötting durch die dort hergestellten, äußerst erfolgreichen Druckwerke des Verlages Anton Ruhland. Sie vermitteln in den Kirchen Bayerns dem Frommen Anleitung zum Gebet, uns aber unter anderem die Erklärung, wieso es so plötzlich mit dem Kommunismus zu Ende gegangen ist. Wir lesen: "Die Muttergottes als die ‚Königin vom kostbaren Blut‘ sprach zu der begnadeten Seherin Antonia Lamberger in Klagenfurt: ‚Legt ein Band vom Kostbaren Blut um euer Vaterland. Über das Kostbare Blut kann der Russe nicht eindringen.

Ist er etwa eingedrungen? Eben nicht! In einer anderen Handreichung ("Sturmgebet zur heiligsten Dreifaltigkeit") lesen wir, wie anderem Übel zu wehren sei: "Halte fern den sichtbaren und unsichtbaren Feind, der uns von Osten zu überfluten droht, uns zu vernichten." Nun verstehen wir auch die Wahlkampfanzeigen der CSU gegen die "Flut" der Asylbewerber besser.

Wieso ist bisher niemand auf den Gedanken gekommen, Altötting zur deutschen Hauptstadt zu machen? Die jüngste Meldung aus dem Freistaat besagt übrigens, daß ein Altöttinger in einem Kartoffelschälwettbewerb Sieger geworden ist (zwanzig Erdäpfel in drei Minuten und neun Sekunden). Es waren vermutlich sehr große Knollen. Die sind erfahrungsgemäß leichter zu schälen.