Von Nina Grunenberg

Helmut Kohls politisches Weltbild wurde in den Adenauer-Jahren geformt. An den Prinzipien, die er als Schüler und Student Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre in sich aufnahm, hat er bis heute festgehalten. Sie sitzen tief, sind dem intellektuellen Zweifel enthoben und gehören zum "ewigen Grundmuster" seines politischen Bezugsystems.

Oberstes Gebot war die Verpflichtung, die deutsche Teilung nicht hinzunehmen und an der Wiedervereinigung festzuhalten. Seine Mitarbeiter fühlten sich in den vergangenen Monaten oft zu der Erklärung verpflichtet, der Bundeskanzler habe zur deutschen Frage "immer das gleiche" gesagt und sei in seiner Überzeugung in vierzig Jahren nicht schwankend geworden. Damit stießen sie bei ihren Gesprächspartnern oft auf Verwunderung: Wie in der heiligen Messe waren zwar die Worte des Pfarrers noch vernommen worden, allein der Glaube hatte gefehlt. Wolfgang Bergsdorf, ein langjähriger Vertrauter Helmut Kohls, räumt gerne ein, daß die ewige Wiederholung der deutschlandpolitischen Floskeln langweilig war, "aber als es darauf ankam zu handeln, war Kohl auch schlafwandlerisch sicher".

Ein anderer unverrückbarer Bezugspunkt in seinem System ist die Freundschaft zu Amerika. Zusammen mit der atlantischen Sicherheitspartnerschaft bleibt sie für Helmut Kohl der feste Anker, den Konrad Adenauer vor vierzig Jahren auswarf. Er garantiert die Westbindung der Deutschen, gewährleistet ihre Sicherheit und schiebt allen Sonderwegs-Versuchungen einen Riegel vor. Doch ist das deutsch-amerikanische Verhältnis für Kohl mehr als eine Versicherungspolice, es ist Herzenssache. Zwar hat er sich nie selber an den Universitäten der amerikanischen Ostküste umgetan, dafür studierten aber seine beiden Söhne Walter (27 Jahre) und Peter (25 Jahre) dort – der eine an der Harvard-Universität, der andere am Massachusetts Institute of Technology.

Die Unvoreingenommenheit, mit der die Amerikaner die deutsche Einheit begrüßten, unterstützten und international abfederten, hat in Helmut Kohl Gefühle der Dankbarkeit geweckt, wie er sie selten aufbringt. "Ich kann mir keinen hilfreicheren Partner als die USA vorstellen", sagte er im Juli während des Londoner Nato-Gipfels in einem Gespräch mit Journalisten. "Ich habe es heute wieder gemerkt, sie reden nicht nur von Selbstbestimmung, sie meinen es auch so."

Damit in den Staaten keinerlei Zweifel an der Bündnistreue der Deutschen aufkommen konnten, ergriff er jede Gelegenheit, um der amerikanischen Öffentlichkeit zu versichern, "daß wir nicht Rapallo spielen". Als er Anfang Juni an die Ostküste flog, um sich in Harvard seinen Ehrendoktor abzuholen, legte er vorher einen Stopp in New York ein. Sein einziger Zweck war, dem American Council on Germany bei einem 150-Dollar-Abendessen in seiner Tischrede nichts anderes zu versichern als: "Die Deutschen stehen." – "Trust the Germans", schallte es am nächsten Morgen aus den Medien so prompt zurück wie noch bei keinem deutschen Bundeskanzler vor ihm.

Den Amerikanern fiel es nicht schwer, Helmut Kohl Anerkennung und Respekt zu bezeugen. In ihren Augen war er der Mann, der die Ostdeutschen vom kommunistischen Joch erlöst und die Fahne der Freiheit, der Selbstbestimmung und der Demokratie bei ihnen aufgepflanzt hatte. Damit waren Jefferson-Forderungen erfüllt, auf die in den Vereinigten Staaten bis heute mit lebhaften Gefühlen der Sympathie reagiert wird. Mit seiner Vision von einem vereinigten, in die westliche Wertegemeinschaft eingebetteten Deutschland war er für sie der Traum von einem Erfolgsmann.