Von der Sprengung eines baufälligen Hauses gibt’s diese schönen Filmaufnahmen in Zeitlupe, wo das Haus noch eine ganze Zeitlang steht, obwohl es schon gesprengt ist. Das ist der "Vranitzky-Effekt" vom 7. Oktober in Österreich. Die österreichische Innenpolitik liegt in Trümmern, aber der Heiligenschein des rosaroten Bundeskanzlers überstrahlt sie.

Der Sprengmeister heiß Jörg Haider, seine FPÖ hat ihre Sitze im Parlament fast verdoppelt. Weil aber alle, die Haider nicht mögen, Vranitzky wählten, fuhr dieser unglaubliche 43 Prozent in die SPÖ-Scheune – statt fest prognostizierter 38 Prozent.

Die christdemokratische ÖVP hat Selbstmord begangen. Sie kokettierte mit Haider. Drauf wählten ihre Leute, die das nicht wollten, Vranitzky, die’s aber wollten, wählten statt ÖVP gleich Haider. So verkam die honorige schwarze Partei auf jammervolle 32 Prozent (statt bisher 41,3) – das mieseste Ergebnis seit ihrer Gründung 1945.

Die Österreicher sind ein originelles Volk. Sie haben am 7. Oktober ihr altes Parteiensystem in die Luft gesprengt, und darunter kam ein noch älteres zum Vorschein. Seit 1945 beherrschten die rote und die schwarze Großpartei die politische Landschaft, jetzt sind es drei Parteien wie in der Ersten Republik. Jörg Haiders Freiheitliche Partei hat nun recht genau den Prozentsatz, den das deutschnationale Lager in den dreißiger Jahren hatte (17 Prozent).

Noch viel origineller ist die Art, wie das "Parteienmuseum" – so nannte es Haider in der Wahlnacht – gesprengt wurde. Das rote Monument in Zeitlupe, das schwarze in Zeitraffer. Der Abstand zwischen Rot und Schwarz hat sich mehr als verdreifacht (von 6 auf 21 Sitze).

Der Bundeskanzler, auf den alles zugeschnitten war im Wahlkampf, konnte den Niedergang seiner Partei – zwanzig führende Funktionäre der SPÖ verwickelten sich in Skandale bis hin zu staatsanwältlichen Ermittlungen und gerichtlichen Verurteilungen – überkleben mit seinem eigenen Image als Saubermann.

Viele Wähler kreuzten auf dem Stimmzettel nicht die SPÖ an, sondern schrieben "Vranitzky" hin. Diese vom Wahlgesetz eröffnete Möglichkeit brachte der SPÖ – eine der Person gegebene Stimme wird dann trotzdem der Partei zugerechnet – ein Viertel ihrer Stimmen, schätzten Meinungsforscher. Auch wenn es viel weniger waren, heißt das: Ohne Vorzugsstimmen für Vranitzky hätte die SPÖ ebensoviel verloren wie die ÖVP.