Nobelpreis

Eugene Garfield war kein Glück beschieden. Der Professor am Institute of Scientific Information (ISI) in Philadelphia hatte vor ein paar Wochen versucht, wissenschaftlich fundiert vorherzusagen, wer in diesem Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhält: Er stellte eine Liste der 31 am meisten zitierten Ökonomen der (englischsprachigen) Welt zusammen – darunter Koryphäen wie John Kenneth Galbraith oder Robert Musgrave – und behauptete: Einer davon muß es werden (ZEIT Nr. 42).

Es wurde keiner der 31. Wie schon so oft in der 21jährigen Geschichte des Wirtschafts-Nobelpreises schaffte es das Preiskomitee in Stockholm, mit seiner Entscheidung die gesamte Fachwelt zu verblüffen. Es wählte drei Ökonomen aus, die sogar vielen Fachkollegen bisher unbekannt waren und – Pech für Professor Garfield – relativ selten in der wissenschaftlichen Literatur zitiert wurden. Harry Markowitz, City Universität New York, Merton Miller, Universität Chicago, und William Sharpe aus Stanford gelten als Pioniere auf dem Gebiet der Theorie der Finanzmärkte und der Unternehmensfinanzierung. Alle drei zeichnen sich dadurch aus, daß sie in ihren Werken einen extremen Aufwand an komplizierten mathematischen Formeln betreiben; ihre Bücher sind daher nur einer schmalen Gruppe von Experten zugänglich. Die Bedeutung der drei Preisträger ist aber trotzdem nicht zu unterschätzen. Mit ihren Arbeiten schufen sie in den fünfziger und sechziger Jahren die theoretischen Grundlagen für die Terminmärkte und eine Reihe weiterer illustrer Erfindungen, die in den achtziger Jahren die Finanzmärkte der Welt revolutionierten.

Der berühmteste unter den dreien ist der 63jährige Harry Markowitz. Noch als Student an der Universität von Chicago entwickelte er 1952 die sogenannte "Portfoliotheorie". Diese Theorie gibt einem Kapitalanleger Instrumente an die Hand, um sein Geld optimal in unterschiedliche Wertpapiere zu investieren (optimales "Portefeuille"). Vorausgesetzt, er kennt die Ertragserwartungen der in Frage kommenden Aktiengesellschaften und er ist sich darüber im klaren, welche Risiken er in Kauf nehmen will.

Kern der Theorie ist die Erkenntnis, daß man als Anleger nicht versuchen soll, nur Aktien mit den höchsten Renditen zu sammeln, sondern daß es auch darauf ankommt, Risiken möglichst breit zu streuen und so zu begrenzen. Unter Umständen ist es danach sinnvoll, auf die dividendenstarke Aktie eines Autozulieferers zu verzichten, wenn man bereits viele Autoaktien besitzt, denn falls die Autofirmen einmal in Schwierigkeiten kommen sollten, dürfte dies auch Zulieferer treffen. "Die Portfoliotheorie lehrt die Anleger, nicht alle Eier in einen Korb zu legen", sagte ein Kollege von Markowitz, der amerikanische Wirtschaftsprofessor James Tobin. Tobin hatte die Instrumente der Portfoliotheorie auf die Probleme der Geld- und Konjunkturpolitik angewandt und für seine Forschungen bereits 1981 den Nobelpreis erhalten.

Die Praktiker an der Wall Street lernten von Markowitz, Risiko- und Ertragserwartungen in nüchterne mathematische Modelle zu gießen und so die Zukunft (zumindest scheinbar) rechenbar zu machen. Als dann noch die erforderlichen Computer bereitstanden, war die Zeit gekommen für Terminmärkte, Future Bonds, Portfolio Insurances, Index-Arbitrage-Geschäfte und mehr. Professor Merton Miller sagte in einer Würdigung seines Mit-Preisträgers Markowitz: Die Erkenntnis, daß Risiko und Ertrag die beiden kritischen Größen für den Wert eines Wertpapier-Portefeuilles sind, "gab den Startschuß für die High-Tech-Methoden auf den Finanzmärkten".

Miller selbst erhielt den Nobelpreis für sein 1964 entwickeltes "Capital Asset Pricing"-Modell, ein kompliziertes Instrument zur Bewertung von Unternehmen und Aktien. Zusammen mit Franco Modigliani (Nobelpreis 1985) kam er zu der Erkenntnis, daß der Verschuldungsgrad eines Unternehmens irrelevant für seinen Marktwert ist; entscheidend sind allein die erwarteten Bruttogewinne.