Von Mathias Müller von Blumencron

Pater Angelo schnuppert aufgeregt in der nächtlichen Luft von Santa Cruz. Kein Zweifel, feiner Rauch zieht die Gasse hinauf. Es riecht nach brennendem Holz, der Seewind fächert die Schwaden zwischen den Mauern der schlafenden Häuser hindurch, mischt sie unter das allgegenwärtige Aroma von Tang und Meer. Doch schon wittert die Nase schwerere Kost: Ein Hauch Knoblauch mufft vorüber, unverkennbar, später gar läßt sich Curry ahnen, beißend und aufdringlich zugleich. Irgendwo, so scheint es, wird kräftig gewürzt. Sollte Pater Angelo etwa verschlafen haben?

Mit großen Schritten hastet er die verlassene Straße hinab, biegt in einen dunklen Gang. Dahinter, im Hof des Gemeindehauses, geht es hektisch zu: Rund ein Dutzend Frauen eilen hier umher, angetan mit Schürzen und Kopftüchern. Matt glänzen die Gesichter im spärlichen Schein der Ollampen. Einige schwingen schwere Messer, zerhacken riesige Rindfleischstücke, daß die Knochen nur so splittern. Andere schneiden Zwiebeln und Brot an langen Tischen. Wieder andere füttern das Feuer unter den alten Ölfässern, die ihnen als Herd dienen. Dann wuchten sie schwere Kessel auf die Glut, schwarzgebranntes Gußeisen, in dem schon die Urväter der Insulaner ihr Süppchen gekocht haben.

Francelina Cabral, die stämmige Fischersfrau, wacht mit sicherer Zunge, daß der Sud die richtige Mischung bekommt. "Noch ein bißchen Salz", weist die Chefin der morgendlichen Küche ein junges Mädchen an, "hier fehlen die Brühwürfel", heißt es beim nächsten Kessel. Eilig wird eine Knorr-Packung gereicht, die Brocken platschen in die Suppe. Flammen schlagen jetzt aus den Fässern empor, Qualm hüllt die geschäftige Schar ein. Schneuzen und Fluchen allenthalben.

Pater Angelo nickt erleichtert, kommt er doch gerade noch rechtzeitig, um das Mahl zu weihen. Es ist vier Uhr früh, die Vorbereitungen für das Fest des Heiligen Geistes laufen auf Hochtouren. Die Feiern sind der Höhepunkt des Sommers in Santa Cruz, ein Dankesfest all jener Familien, die in einer Notsituation Rettung vom Himmel erbeten haben. Üblicherweise finden die Zeremonien zwischen Ostern und Pfingsten statt, aber in Santa Cruz nimmt man es mit dem Kirchenkalender nicht so genau. Ein Festkomitee bestimmt alljährlich den Termin und entscheidet sich meist für die Ferienzeit.

Wenige Stunden noch, dann wird die große Prozession durchs Dorf ziehen, vorbei an den niedrigen Häusern mit ihren pastellgetönten Türen und Fensterrahmen. Die Frauen werden ihre schneeweißen Festkleider tragen, die Männer den schwarzen Sonntagsanzug. Begleiten wird sie das Sinfonieorchester von Santa Cruz, wie sich die örtliche Blaskapelle nennt.

Später wird der Pater die große Messe lesen und dann, dann endlich werden alle Leute unter den Eichen des Dorfplatzes zusammenkommen. Lange Tische und Bänke stehen dort, an denen Francelina die Festbouillon servieren wird. Dazu gibt es Rotwein von der Nachbarinsel Pico oder gar vom Festland, der fernen Algarve. Die Jungen werden sich die Beine in den Bauch tanzen, und die Alten debattieren über Gott und die Welt im allgemeinen, den Fisch und das Vieh im besonderen und all die großen Dinge, die dort draußen, irgendwo jenseits des Horizonts, die fernen Kontinente beschäftigen.