Sinto ist er, und er lebt im Norden. Roma sind im Süden und Osten, so einfach ist das, wenn man will. Aber er ist auch Deutscher. Von der Schule ging es mit der ganzen Familie ins KZ. Und weil wenigstens einer von ihnen überleben sollte, machte er einen Fluchtversuch. Die SS schoß ihm ins linke Bein, und die Amerikaner trennten den Eiterklumpen nachher ab. Seitdem humpelt er an Krücken, eine Prothese fände keinen Halt. Sein Nachname klingt deutsch, der Vorname ist romantischer. Sinti und Roma sind keine Völker, sondern Stämme. Auf Alt-Romani, in ihrer ursprünglichen Sprache, könnten sich alle verständigen. Neu-Romani gibt es eher bei den Sinti.

Und worüber er mit den rumänischen Zigeunern, die massenweise herüberkommen, reden würde? Daß sich unsere Sitten wohl auch ziemlich gleichen, aber hier sei eben alles enger und gründlicher, und wenn man auch in Zukunft zusammenbliebe, lesen und schreiben müßten sie lernen, rechnen käme von selbst; dann hätten sie gewissermaßen zwei Sprachen. Und er fragt sich, warum man ihnen nur Amtspersonen vorsetzt; deutsche Zigeuner könnten ruhig dabei sein und ein Wort mitreden.

Er würde seinen Brüdern auch noch sagen, daß sie damit rechnen müßten, anderen immer im Wege zu sein und in Wohnungen verstaut oder gestapelt zu werden, irgendwo, und daß weit und breit nur Flecken übrig wären, wo noch Natur ist. Da kampierten aber immer mehr Deutsche in Wohnwagen und grillten, ähnlich wie wir es früher gemacht haben; Sinti sehen nicht anders dabei aus. Und er würde noch mal sagen, daß die Sitten nicht kaputtgegangen seien und daß die Treue bliebe und es um die Familie ginge, um sonst gar nichts. Doch Sinti heirateten hier nach der Sitte auch öfter mal Deutsche und hätten Berufe oder auch nicht. Und das Alter werde noch respektiert, Kinder bettelten schon längst nicht mehr, Angst und Hunger wären fast weg.

Er könnte ihnen zum Schluß sagen, daß er Sozialdemokrat ist, sogar Parteimitglied seit ungefähr dreißig Jahren, aber selten käme ein Genosse mal bei ihm vorbei. Doch was verstünden die Roma von deutscher Politik? Über die Grünen redeten wir noch. Die Farbe gefällt ihm, von der Natur verstünden Sinti und Roma jedoch am meisten. Wer sonst könne denn monatelang nur von Waldfrüchten leben? Farben brauchten die Zigeuner und Glanz, nicht nur an Autos; man müßte weit fahren, um noch was Wunderschönes zu sehen. Für ihn gebe es nur die Sozis. Im KZ waren sie sich untereinander nicht so einig wie die Kommunisten. Aber was es ganz unten gibt, da, wo auch wir sind, das wissen die Sozialdemokraten aus Erfahrung oder vom genaueren Hinsehen heute noch am besten.