Arnsberg

Bis Ende nächster Woche befaßt sich die Schwurgerichtskammer des Arnsberger Landgerichts mit einem Ereignis, das Anfang des Jahres als "die Hinrichtung des Blutschänders" (Bild) Furore machte. Der Arnsberger Staatsanwalt Schulze-Bentrop spricht schlicht von "gemeinschaftlichem Totschlag". Doch trifft auch diese Formulierung nicht den Tatbestand. Was da zur Zeit im Sauerland verhandelt wird, ist eine besondere Form von Notwehr, eine verspätete und vorbeugende Notwehr zugleich.

Und eine indirekte, da die Opfer – Mutter und Tochter – sich nicht selber wehrten, so paralysiert waren die beiden Frauen von der Brutalität des Aggressors. Ein Mann tat es für sie. Der 26jährige Installateur Marco Bolz tötete am späten Morgen des 22. Januar 1990 vor der Justizvollzugsanstalt Werl den 47jährigen Bäckergesellen Ulrich Tröger mit vierzehn Schüssen und schlug anschließend mit dem Gewehrkolben auf den Schädel des Getöteten.

Marco Bolz, der mit der Tochter des Toten verheiratet ist, hatte seinen Schwiegervater bis dahin nur zweimal gesehen. Aber die 25jährige Manuela Bolz, die nachts weinend aus Alpträumen hochfuhr, hatte viel über ihren Vater erzählt. Zum Beispiel, daß er schlug, immer wieder, ihre Mutter, sie selbst und ihren jüngeren Bruder. Und daß er sie, als sie zwölf war, zu vergewaltigen begann, daß sie mit fünfzehn ein Kind von ihm bekam und daß er dieses Kind, wenn es schrie, mit einem Kissen zum Schweigen brachte. Wie Jahre zuvor schon ihren Bruder, der mit sieben Monaten starb.

Am Anfang ihrer Beziehung ermutigt Marco Bolz Manuela, den Vater anzuzeigen, und Ulrich Tröger wird zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Aus dem Gefängnis heraus läßt Tröger seiner Tochter durch Verwandte ausrichten: "Wenn ich rauskomme, mache ich dich platt." "Das tut der nicht", versucht Marco sie zu beruhigen. Aber sie weiß: "Der tut immer, was er sagt". "Der bringt mich um. Der bringt auch die Kinder um.

Marco Bolz ist ein mittelgroßer, blasser, ruhiger Mann. Warum tötete er mit dieser Vehemenz? Er hatte Angst, sagt er, Angst um seine Frau und um seine Kinder. Der junge Mann nahm die Frauen ernst: "Meine Frau und meine Schwiegermutter haben vorher gesagt, sie würden es auch tun, aber sie hätten zuviel Angst vor ihm. Er würde ihnen das Gewehr aus der Hand nehmen." Die beiden hatten früher mehrfach versucht, sich verständlich zu machen, die Gewaltexzesse, denen sie hinter ihren vier Wänden ausgesetzt waren, nach außen zu tragen, andere zum Handeln zu bewegen. Die Frauen baten oft um Hilfe, bekamen sie aber nie.

Waltraud Tröger, die Mutter bringt, wiederholt die Kraft auf zu fliehen, übernachtet bei Freundinnen und in feuchten Kellern, sucht in Frauenhäusern Zuflucht und bei der Polizei. Ihr Mann spürt sie stets auf, holt sie zurück, und niemand hindert ihn daran.