Nowaja Semlja ist nicht die einzige durch Atomtests verseuchte Inselgruppe. Die neokoloniale Zerstörung der Atolle Mururoa und Fangataufa und die Verseuchung Polynesiens im Dienste der Abschreckung ist ein düsteres Kapitel in der französischen Nachkriegsgeschichte. Während des Krieges versprach General de Gaulle allen Kolonien die Unabhängigkeit nach einem Sieg. Als er 1958 Präsident wurde, gab er seinen Ambitionen Vorrang, Frankreich ins erste Glied der Atommächte zu hieven. 1962 schickte er 18 000 Soldaten – darunter 3000 Fremdenlegionäre – nach Tahiti. Jeder Protest der Inselbewohner wurde unterdrückt. 1966 war das Testgelände auf Mururoa fertiggestellt. Eine Atomkolonie war entstanden. Die erste Bombe wurde am 2. Juli auf einem Floß in der von dem Atoll eingeschlossenen Lagune gezündet. Die Detonation saugte das Wasser aus der Lagune. Es regnete auf die umliegenden Inseln ab. Überall lagen tote Fische und rottende Schalentiere an den Stränden. Am 19. Juli warf ein Flugzeug aus 15 000 Meter Höhe knapp hundert Kilometer südlich des Atolls eine zweite Bombe ab.

Bereits drei Jahre zuvor hatten die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und Großbritannien sich geeinigt, keine Tests in der Atmosphäre mehr durchzuführen. Am 10. September 1966 eröffnete de Gaulle mit großem Pomp das Centre d’Experimentation du Pacifique. Die Zeremonie gipfelte in der Detonation einer an einem Fesselballon befestigten Bombe, 600 Meter über Mururoa. Der Präsident sah von der Brücke eines Kriegsschiffes aus dem Schauspiel zu. Überwachungsstationen des New Zealand National Radiation Laboratory auf Cook Islands, Niue, Samoa, Tonga, Fiji und Tuvalu registrierten heftigen Fallout. Doch die Verseuchung der pazifischen Nachbarn hat den französischen General nie in seinem nuklearen Größenwahn gestört.

Erst 44 Bomben und 8 Jahre später stoppte Giscard d’Estaing das mörderische Programm – allerdings nur, um es durch das kleinere Übel unterirdischer Tests zu ersetzen. Im Laufe der Jahre wurden 46 Bohrlöcher im Abstand von 500 Metern unter Mururoa in die Tiefe getrieben. Jede Explosion reißt Höhlungen von über hundert Meter Durchmesser in den Inselsockel. Oft fallen die darüberliegenden Bodenschichten zudem trichterförmig ein. Das Atoll ist bereits an vier Stellen auseinandergebrochen. Am 25. Juli 1979 riß eine Explosion eine Million Kubikmeter Kalk- und Gesteinsmassen aus dem Korallenriff. 1980 war das gesamte Areal verbraucht. Seither bohren die Atomtechniker ihre Bombenlöcher offshore in der Lagune.

Bei sogeannten "Sicherheitstests" in den sechziger Jahren wurde ein Teil des Atolls durch zehn bis zwanzig Kilogramm Plutonium verseucht. Das betroffene Areal wurde mit einem dicken Asphaltteppich gesichert. 1981 riß ein Taifun die Asphaltplatte los. Das Plutonium wurde in die Lagune geschwemmt. Einige Techniker auf der Insel wollten den fahrlässigen Umgang mit der Radioaktivität nicht länger verantworten und spielten der französischen Presse Informationen zu.

1985 deklarierten die dreizehn Staaten des Südpazifik-Forums im Vertrag von Rarotonga eine atomwaffenfreie Zone. Er ist ein verbindliches Dokument, an das wieder nur Frankreich sich nicht hält. Die Grande Nation reagierte mit einer großangelegten Presseoffensive. Sie zahlte sich aus. Selbst ein respektables Blatt wie die Neue Zürcher Zeitung war sich nicht zu schade, eine vom französischen Außen- und Verteidigungsministerium gemeinsam herausgegebene "informative und anschaulich illustrierte Broschüre" mehr oder weniger wörtlich zu zitieren – und gutzuheißen.

Der Gesundheitszustand der im Umkreis Mururoas lebenden Menschen sei sehr gut, schreibt die NZZ, "leiden sie doch viermal weniger häufig an Leukämie und anderen Krebserkrankungen als die Franzosen im Mutterland". Eine für die World Health Organization erstellte Studie von Yasomoto und Inoue bleibt dagegen unerwähnt. Sie führt eine dramatische Zunahme von ciguatera, einer schweren Vergiftung durch Fischgenuß, in Französisch-Polynesien auf die Zerstörung der Korallen durch die Atomversuche zurück.

Meist unerwähnt bleiben auch die drastischen Einschränkungen von Bürgerrechten und individueller Freiheit als notgedrungene Folge von Atomversuchen. Das beanspruchte Areal ist so groß, daß unweigerlich ganze Bevölkerungsgruppen umgesiedelt werden müssen. Frankreich wies wiederholte Forderungen, im eigenen Land zu testen, mit der Begründung zurück, das wäre seinen Bürgern nicht zumutbar.

1985 wurde das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior vom französischen Geheimdienst im Hafen von Auckland in Neuseeland durch ein Bombenattentat versenkt. Dabei wurde ein Besatzungsmitglied getötet. Das Greenpeace-Schiff hatte gegen die französischen Atomversuche protestiert. Luy