Von Ulrike Meyer

Diskretes Blau, dezentes Grau, allenfalls Anthrazit: Seriosität dokumentiert sich zuallererst in der Farbe des Anzugs. Den Herren im Busineß-Einheitslook, die sich hier in ein Tagungshotel zurückgezogen haben, würde dabei nie ein Fauxpas unterlaufen. Braun ist Tabu, das wissen sie längst; selbst ihre Autos vor der Tür halten sich dunkelblau zurück; die weinrote Krawatte mit Paisley-Muster ist fast schon ein gewagtes Accessoire. Weiße Socken? Völlig undenkbar.

Das Thema "Kleidung" kann Seminarleiterin Irmgard Rühl, Chefin der Ton & Takt-Gesellschaftsschulungen, schnell abhaken. Die Mitarbeiter der Industriekreditbank (IKB), denen sie zwei Tage lang den passenden Schliff geben soll, tragen die geforderte "bankübliche Kleidung" schon als zweite Haut. Selbst die junge Dame im hochgeschlossenen Kostüm mit noch höhergeschlossener Bluse reiht sich nahtlos in den blau-grauen Reigen ein. Schon vor einiger Zeit hatte die Bank Irmgard Rühls Schulungsangebot für Führungskräfte und Führungsnachwuchs ihren Mitarbeitern angedient und damit deren Empörung provoziert: Ein "Benimm-Seminar" habe man doch wirklich nicht mehr nötig. Getarnt unter dem wohlklingenden Motto "Repräsentieren der IKB", wurde es dennoch ins Aus- und Weiterbildungsprogramm des Instituts aufgenommen – und stieß prompt auf große Nachfrage.

"Gute Umgangsformen sind im Geschäftsleben wichtig. Sie schaffen Akzeptanz beim Partner und stärken das Selbstbewußtsein", hieß es in der bankinternen Ausschreibung des Seminars; drei Abteilungsdirektoren und sechs Regionalleiter haben dafür nicht nur den Freitag, sondern auch ihren freien Sonnabend geopfert. Und weil auf gesellschaftlichem Parkett besonders der Umgang mit Damen die Gefahr von Ausrutschern birgt, sind auch zwei Chefsekretärinnen aus höchster Etage als Trainingspartnerinnen gern gesehen. Denn der artige Handkuß probt sich besser an weiblicher Hand.

Als die ehemalige Pharmareferentin Irmgard Rühl vor fünf Jahren ihr Benimm-Institut gründete, betrat die Berlinerin Neuland. Doch rasch entdeckten auch andere die Marktlücke. Einen "absoluten Boom" von Knigge-Kursen hat Rolf H. Ruhleder, Geschäftsführer des gleichnamigen Management Instituts in Bad Harzburg, inzwischen festgestellt. Eigentlich habe er sich als Rhetorik-Spezialist gar nicht mit diesem Gebiet beschäftigen wollen, "aber wenn sich der Umsatz nicht vermeiden läßt..." Nun baut er Benimm-Schulungen in die Seminare ein, die er für Firmen der verschiedensten Branchen, vom EDV-Unternehmen bis zum Tennisschlager-Produzenten, veranstaltet. Und weil er weiß, daß Topmanager und Spitzenpolitiker das Gesicht verlieren, wenn sie öffentlich Bedarf am Knigge-Kurs bekunden, hat er auch diskreten Einzelunterricht im Repertoire. 12 000 Mark, verrät der geschäftstüchtige Sittenkenner, zahlen die hohen Herren für einen Tag Anstandstraining – immerhin vierzehn derart zahlungskräftige Kunden hat er allein für dieses Jahr vorzuweisen.

Unterstützung finden die Etikette-Trainer beim Arbeitskreis Umgangsformen, einer jetzt neubelebten Einrichtung, in der Tanzlehrer und Journalisten, Vertreter des Hotel- und Gaststättenverbandes, des Friseurhandwerks und der Lufthansa die aktuellen Benimm-Regeln festschreiben. Der Arbeitskreis spüre dem Zeitgeist nach und tilge veraltete Vorschriften, die, etwa durch die veränderte Stellung der Frau, nicht mehr haltbar seien, sagt die Vorsitzende Inge Wolff. Daß immer mehr Regeln als überholt gestrichen werden, daß heute vieles erlaubt ist, was früher strikt verboten war, macht die Sache mit dem guten Ton allerdings nicht einfacher. "Die Unsicherheit wächst, anstatt nachzulassen", hat Inge Wolff erkannt. Und gerade am Arbeitsplatz lauern besondere Tücken. Denn was sonst selbstverständlich ist, gilt hier mitunter gerade umgekehrt. So bieten Frauen normalerweise als erste die Hand zum Gruß, nicht jedoch gegenüber ihrem Chef. "Im Berufsleben hat der Rang immer Priorität vor anderen Kriterien", betont Anstandsdame Irmgard Rühl streng. "Was heißt hier Rang, vor dem Grundgesetz sind wir alle gleich", murrt da ein junger Regionalleiter.

Erst seit einigen Jahren kann Rolf Eisenstein, Direktor der IKB und Leiter der Aus- und Weiterbildung, Defizite in althergebrachter Etikette beim Führungsnachwuchs feststellen. "Wir haben da von zu Hause viel mehr mitgebracht", meint der 58jährige. Als er jung war, studierten meist nur die Söhne der "besseren Familien" und qualifizierten sich somit für mögliche Führungsaufgaben. Zudem sagte zwischenzeitlich die Studentenbewegung den Knigge-Regeln den Kampf an.