Wir geben ja zu, daß wir schon in Singapur gewesen waren, von Suhl aber noch nichts gehört hatten. Und es stimmt auch, daß uns Urumtschi und Ulan Bator eher ein Begriff waren als Unterfarnstädt und Uhsmannsdorf.

Doch als der 3. Oktober näher rückte, da zeigten wir uns sogleich äußerst wißbegierig und lernten willig. Wir paukten die Namen der neuen Bundesländer und die der weit rechtsrheinisch gelegenen Orte. Mit vorauseilender Bereitwilligkeit, ans ganze Deutschland zu denken, reagierten wir hellwach, wenn leichthin von der Stadt Frankfurt die Rede war, und fragten vorwurfsvoll: "Welches Frankfurt, bitte?" Neuerdings genieren wir uns sogar, wenn Hamburg großspurig die "Elbmetropole" genannt wird, nun, da wir wissen, daß auch Dresden an der Elbe liegt.

Natürlich sind wir schon in die deutschen Lande zwischen Elbe und Oder gereist, um mit eigenen Augen zu schauen, wovon bis dato nur die Sage ging: den Tintenklecks an der Wartburg-Wand, die kavalleristischen Reitkünste der Blocksberg-Hexen und den Ort, an dem sich noch immer der schlafkranke Kaiser Rotbart versteckt. Und wir sahen die schöne Uta zu Naumburg, wie sie seltsam lächelnd über den hochgeschlagenen Mantelkragen blickt, standen dort, wo in Sanssouci Friedrichs II. bewunderte Jagdhunde begraben liegen.

Das alles gefiel uns sehr, und auch die Kirchen, die Dome und Schlösser rissen uns zu ungeheuchelter Begeisterung hin. Ja, sie regten uns an, immer tiefer einzusteigen in Teile einer bis dahin wenig bekannten Geschichte. So lasen wir, was es zu lesen gab über Thüringen, Sachsen und Mecklenburg. Doch im Lande Brandenburg angekommen, waren wir sehr irritiert. Dort hörten wir vom ersten Markgrafen der sandigen Region, bei seinen Zeitgenossen nur als "Albrecht der Bär" bekannt. Du lieber Himmel, dachten wir, was tun sich da für Abgründe auf in den Tiefen unsrer Vergangenheit. Schließlich schrieb man bereits das Jahr 1134 christlicher Zeitrechnung, und die Jahrhunderte der Mythen lagen weit zurück. Zwar hatten wir im Geschichtsunterricht schon von manchem ungehobelten Burschen aus besseren Kreisen vernommen, aber noch von keinem, der offenbar wild mit der Tatze um sich schlug, wenn’s nicht nach seinem Willen ging. Kopfschüttelnd memorierten wir: Friedrich der Große, August der Starke, aber Albrecht der – Bär!

Wo kam er her, wie sah er aus, wo wohnte er, und wer war die Bärin an seiner Seite? Schon spürten wir, wie uns die seltsame Gestalt in ihren Bann schlug, und bald war klar: Wir würden uns künftig nicht den Touristenscharen anschließen, die sich im Nachvollzug an die Sohlen von Fontanes Wanderschuhen hefteten. Wir würden uns statt dessen auf einsame Fährte begeben und nach den Spuren Albrechts des Bären suchen.

Schon sahen wir die Story über die Reisereportage hinaus zu einem veritablen Bestseller heranreifen, zu einem Traumstoff für eine Endlosserie im TV-Vorabend-Programm. Und schon stand uns wie ein Menetekel der neue Werbeslogan vor Augen, der mehr Touristen ins neue Bundesland locken würde als alle Guldenburgs und Schwarzwaldkliniken zusammen: "Brandenburg – bärenstark". Rosemarie Noack