Von Fredy Gsteiger

Die Flut exotischer Datumszeilen vor Zeitungsartikeln ist ein Kennzeichen des gegenwärtigen Konflikts am Persischen Golf. Mit Berichten "von unserem Sonderkorrespondenten in Riad", "in Bagdad" oder "in Raghwa Fort an der kuwaitischen Grenze" brüsten sich die Gazetten. Und hüllt nicht die Einleitung "von unserem Berichterstatter irgendwo in der saudischen Wüste" den nachfolgenden Text spannungsfördernd in einen Geheimnisschleier, während der Zusatz "mit der ersten US-Air-Force-Jägerstaffel an der Front" von unmittelbarer Nähe zu Schießlärm und Pulverdampf kündet. Jeder Schreiber muß dartun, daß er sich zum einen zumindest an einem sehr heißen Ort aufhält und zum andern während des Tippens der Zeilen auf einer abgenützten Reiseschreibmaschine umgeben ist von blitzendem oder abenteuerlich wüstenverstaubtem Kriegsgerät.

Entsprechend sind die meisten Schilderungen über die Golfkrise flott zu lesen. Allein sie lassen die Tiefenschärfe vermissen. Damit sei nichts gegen die profunden Analysen in einigen Blättern gesagt: Doch nicht jede Redaktion kann wie der Independent auf einen Robert Fisk, wie Le Monde auf eine Françoise Chipaux oder wie die Neue Zürcher Zeitung auf einen Arnold Hottinger zurückgreifen, auf langjährige Kenner und Beobachter der arabischen Welt.

Die übrigen und besonders die elektronischen Medien – gierend nach O-Ton und Action-Bildern – behelfen sich mit zuweilen durchaus nützlicher Anschauung oder flüchten sich in kurzatmige Kommentare. An einem Tag wird die "Logik des Kriegs" beschworen, am nächsten der "Logik des Friedens" das Wort geredet. Für die meisten Leser bleiben die Begründungen uneinsichtig. Aber auch die Politiker, die sich verpflichtet fühlen, in Wahrsagerei zu machen, befinden sich in Argumentationsnotstand.

Bahman Nirumand, der in Berlin lebende iranische Schriftsteller und Journalist, hat nun in den wenigen Wochen seit Ausbruch der Krise einen Band zusammengestellt, der die Hintergründe zu den aktuellen Nachrichten, Reportagen und Kommentaren liefert. Der Vorwurf, "Sturm am Golf" sei ein unsolider, oberflächlicher Schnellschuß ist angesichts des raschen Erscheinens leicht, aber auch leichtfertig erhoben, denn er ist schwerlich zu begründen.

Die Beiträge stammen von Fachleuten und nicht von Literaten; insofern bietet nicht jeder reines Lesevergnügen. Doch darauf kommt es hier nicht an. Gereicht wird politisches Schwarzbrot, das dank der Klarheit und Verständlichkeit der Texte, durchaus auch für Laien verdaulich ist.

Das seit Wochen überstrapazierte Bild vom Pulverfaß Nahost wird auch in diesem Buch verwendet. Aber hier wird es endlich einmal differenziert ausgeleuchtet. Die Vorstellung, die ganze arabische Welt bilde ein hochexplosives Gebilde, zu dem eine einzige Lunte führt, ist so absurd wie das im Westen seit Saddam Husseins Raubzug eher noch bestärkte Vorurteil, diese ganze Weltgegend werde von Verrückten und Fanatikern bewohnt und regiert Die Darstellungen belegen, daß im Nahen Osten unzählige Sprengsätze liegen, an die so manche Zündschnur leitet. Regionale, soziale und ideologische Probleme überlagern sich Verdienstvoll, daß sie in den weniger als 200 Seiten in einer sinnvollen – wenngleich nicht der einzig möglichen – Weise auseinandergepflückt werden.