Das Mittelalter, diese Zeitspanne zwischen 500 und 1500, müßte eigentlich als dringlichste Bittstellerin in die Liste diskriminierter Epochen aufgenommen werden - falls es eine solche gäbe. Denn wer diese Zeit anspricht, erweckt in der Vorstellung seiner Zuhörer unwillkürlich immer dieselben negativen Bilder: brennende Scheiterhaufen, grausame Fürsten, die ihre Bauern schinden, der Schwarze Tod, der ganz Europa heimsucht, blutige Kreuzzüge, barbarische Foltermethoden und primitives Denken. Das heutige Bild des Mittelalters ist so negativ, daß es sogar als abwertendes Sprichwort herhalten muß; wenn man seine Empörung über ein rechtswidriges oder rückständiges Ereignis ausdrücken will, sagt man: "Das geht ja zu wie im finstersten Mittelalter "

Selbst die Historiker des 18 und 19. Jahrhunderts, die es eigentlich besser hätten wissen müssen, haben von erhöhter Warte aus ihr Urteil gesprochen, indem sie die tausend Jahre zwischen 500 und 1500 als das medium aevum, das mittlere Zeitalter, bezeichneten. Womit sie sagen wollten: Das Mittelalter ist die düstere Zwischenzeit zwischen der Antike und der Neuzeit, die man getrost vernachlässigen kann.

Ist das wirklich so? Nein, natürlich nicht. Aber die positiven Seiten des Mittelalters werden in der heutigen Zeit aus irgendwelchen rätselhaften Gründen totgeschwiegen. Wer weiß zum Beispiel schon, daß im 11. Jahrhundert eine erstaunlich umfassende Agrarrevolution vor sich gegangen ist? Damals wurden der Räderpflug, das Kummet und die Windmühle erfunden, die ertragreichere Anbaumethode der Dreifelderwirtschaft kam auf, und durch Rodungen im großen Stil besaß man endlich genügend Ackerland. Oder wer weiß schon, daß es im 13. Jahrhundert eine Blütezeit in der Baukunst, Bildhauerei und in der Literatur gegeben hat, von der der Kulturhistoriker Georg Steinhausen sagte, "kaum jemals hat eine Zeit wieder einen solchen Schönheits- und Formensinn gezeigt"? Man nennt diese Zeit die "zweite Renaissance", und die erste, jene unter Karl dem Großen, lag ebenfalls im Mittelalter.

Eine solche Liste notleidender und diskriminierter Epochen gibt es leider nicht, die Ausgangspunkt für eine Rehabilitierung des Mittelalters sein könnte - obwohl es dringend nötig wäre, manche geschichtlichen Fakten in der Öffentlichkeit richtigzustellen. Aber man kann in der Beurteilung des Mittelalters sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Die Menschen des Mittelalters waren in manchen Lebensbereichen und Geisteshaltungen ihren Artgenossen und Nachfahren des 20. Jahrhunderts überlegen. Man kann behaupten: Das moderne Europa besäße heute eine bessere Gesellschafts- und Lebensform, wenn man von den Menschen des Mittelalters mehr gelernt oder bewahrt hätte. Acht Argumente sollen diese Behauptung stützen.

Im frühen und hohen Mittelalter gab es zwei Mächte, die das öffentliche Leben bestimmten: den Staat und die Kriche, verkörpert durch den Kaiser und den Papst. Diese beiden Gewalten, Imbeneinander, sondern sie waren ineinander verwoben und beeinflußten sich gegenseitig. Jeder hohe Geistliche besaß auch politischen Einfluß (oder wollte ihn zumindest besitzen), und jeder König besaß, durch die starke Strahlkraft des Glaubens, religiöse und moralische Bindungen. Die Entscheidung eines Machtträgers beruhte deshalb immer auch auf ethischen Fragestellungen: "Ist diese Entscheidung mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren?" In einem norwegisch geschriebenen Königsspiegel eines unbekannten Verfassers findet sich diese Ansicht wieder, obwohl sie aus einer Zeit stammt - etwa 1260 , in der die meisten Herrscher sich bereits nicht mehr daran hielten. In diesem Königsspiegel belehrt ein Vater seinen Sohn über das Königsamt. Der Sohn sagt: "Nun wird mir durch Eure Darlegung klar, was nach Eurer Ansicht die Pflicht des Königs ist in der Nacht, wenn die Schlafenszeit vorüber ist: daß er nachdenkt über sein Reich und sein Volk; und dann am Morgen: daß er zur Kirche geht und sein Gebet spricht. Ich verstehe auch, daß diese Tätigkeit so nützlich und notwendig ist, daß sie keinesfalls unterlassen werden darf Und der Vater antwortet ihm: "Und das sollst du bestimmt wissen, daß es ebenso Pflicht des Königs ist, täglich die Regel des heiligen Gesetzes zu hüten und die Gerechtigkeit der heiligen Urteile zu schützen " Erst durch den Investiturstreit, der 1075 zwischen Papst Gregor VII und König Heinrich IV. entbrannt war und ein halbes Jahrhundert lang die Christenwelt in Atem gehalten hat, trat eine Säkularisierung ein, bei der die Ethik auf der Strecke blieb. Die weltlichen Gewaltenträger lösten ihre Tätigkeit vom Christentum, sie taten den Schritt vom christlich gesehenen Weltdienst hin zur rein weltlichen Herrschaft.

Daß Herrschaft rein weltlich ist - diese Vorstellung erscheint heute nicht weiter bemerkenswert. Gerade dadurch offenbart sich aber, wie weit die zeitgenössische Politik von einer tief verwurzelten ethischen Bindung entfernt ist. In den vielen heute existierenden Unrechtsregimen in aller Welt wird das offensichtlich: Machtstreben statt Humanität leitet die Führer. Und selbst in den westlichen Demokratien ist das Volk nicht vor rücksichtslosen Machtpersönlichkeiten gefeit, wie die Watergate Affäre oder der Barschel Skandal gezeigt haben. Darüber hinaus entfernt sich die Politik des Westens auch immer weiter von humanistischen Denkansätzen, weil die Wirtschaft, die vorwiegend nicht nach sozialen Gesichtspunkten, sondern nach Rentabilität funktioniert, eine immer wichtigere Rolle gewonnen hat.

Im Jahr 1099 schrieb ein Chronist namens Ekkehard von Aura, daß die Westfranken ihre Äcker gerne zum Kreuzzug verlassen würden, denn "die gallischen Lande hatten einige Jahre hindurch bald Bürgerkrieg, bald Hunger, bald große Sterblichkeit heimgesucht" - Hunger, Krieg, Krankheit, sie trafen die Menschen oft unvermittelt und mit aschrecklicher Kraft. Der großen Pest Epidemie in den Jahren um 1350 war in Europa ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer gefallen. Ganz Mitteleuropa hatte im 12. Jahrhundert, zählt man die fünf großen Ernteausfälle zusammen, zehn volle Jahre lang gehungert. Die Parallelen zu der heutigen Situation in vielen Ländern der Dritten Welt, zum Beispiel Äthiopien oder Bangladesch, drängen sich geradezu auf; auch dort leiden die Menschen an Krieg, Hunger und Krankheit.