Von Marianna Butenschön

HAMBURG. – "Jetzt können wir mit Recht sagen", so freute sich Hans-Dietrich Genscher Mitte September in Moskau bei der Paraphierung des deutsch-sowjetischen Generalvertrages, "daß die Nachkriegszeit zu Ende ist." Aus deutscher Sicht ist das gewiß richtig, und für unsere westlichen und nächsten östlichen Nachbarn stimmt der Satz auch. Doch da sind noch drei osteuropäische Völker, aus deren Sicht Genschers Satz fahrlässig falsch ist. Estland, Lettland und Litauen wurden im Sommer 1940 infolge eines anderen deutsch-sowjetischen Vertrages, des Hitler-Stalin-Paktes von 1939, von der Sowjetunion militärisch besetzt und anschließend annektiert.

Wie man so etwas inszeniert, erleben wir derzeit am Beispiel Kuwaits. Für die baltischen Völker wiederholt sich 1990 am Golf, was sie selbst 1940 erlebt haben. Doch darf man die Analogie nicht zu weit treiben, denn Stalin, der "Vater der Völker", war ungleich brutaler als Saddam Hussein, der Dieb von Bagdad. Auch fehlten 1940 die Zuschauer. Denn die baltischen Staaten, Mitglieder des Völkerbundes seit 1922, wurden in der gleichen Woche von sowjetischen Truppen besetzt, in der Paris von Hitlers Truppen erobert wurde. Die demokratische Welt hat den ebenso dramatischen Vorgang im Baltikum damals kaum wahrgenommen.

Fünfzig Jahre später steht die Welt Gewehr bei Fuß am Golf, um den irakischen Aggressor in seine Schranken zu weisen. Den Balten hat niemand geholfen, und doch dauerte ihre Résistance gegen den sowjetischen Okkupanten bis in die fünfziger Jahre. Freilich haben die westlichen Demokratien mit Ausnahme Schwedens die Annexion der baltischen Staaten nicht anerkannt, auch die Bundesrepublik nicht. Die baltischen Staaten bestehen also als Subjekte des Völkerrechts fort. Deshalb ist die "baltische Frage" auch kein innersowjetisches, sondern ein internationales Problem, das auf die Tagesordnung der Helsinki-Zwei-Konferenz gehört.

Aber die Welt hat die Balten vergessen. "Niemand hört uns" heißt ein beziehungsreiches Theaterstück, das derzeit in Tallinn aufgeführt wird. Bis heute hört niemand die Botschaft der "singenden Revolution" vom Sommer 1988, durch die diese drei kleinen gepeinigten Völker ihr Recht auf Selbstbestimmung eingefordert und einen entscheidenden Anstoß für jene gewaltigen Veränderungen in der Sowjetunion gegeben haben, von denen wir alle profitieren.

Doch statt die Präsidenten Arnold Rüütel, Anatolijs Gorbunovs und Vitautas Landsbergis für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, nageln wir sie an der geographischen Lage ihrer Länder fest und raten ihnen in seltener Überheblichkeit, sich doch lieber mit Michail Gorbatschow zu arrangieren und im sowjetischen Imperium zu verbleiben, in dem sie gerade nicht bleiben wollen. Und wir argumentieren, daß diese Länder ökonomisch gar nicht überlebensfähig seien.

Solche Maßstäbe haben wir an die ehemaligen englischen und französischen Kolonien nicht angelegt, und so ist die Überlegung nicht von der Hand zu weisen, daß die Balten längst frei wären, wenn sie Afrikaner oder Asiaten wären. Doch gerade ihre geographische Lage wollen die drei Länder nutzen, um wieder das zu werden, was sie immer waren: eine Brücke zwischen Ost und West. Nicht "Albanisierung" ist das erklärte Ziel ihrer Politik, sondern "Finnlandisierung". Und wären nicht drei weitere "Finnländer" auch für die UdSSR von Vorteil?