Beinahe zeitgleich mit der Wiederherstellung der staatlichen Souveränität Deutschlands trat ein anderer Souverän auf den Plan: Das seit 1929 existierende "Organ" der Sowjetschriftsteller hat sich von aller Vormundschaft befreit und ist jetzt de jure und de facto eine "freie Tribüne der Schriftsteller".

Der Weg dorthin war langwierig, atemberaubend – das Ergebnis ist ein Kompliment an die Intelligenz des großen Ostreiches, die sich in einem nun sechs Jahre währenden Krimi (in Fortsetzungen) zur Magna Charta des Pluralismus durchgerungen hat. In den Anfangszeiten der Perestrojka mutete dieses Blatt, das inzwischen weit über sechs Millionen wöchentlicher Auflage erreicht hat, wie ein Versuch an, den Begriff Sozialismus zu erweitern, ihm wieder einen russischen Unterbau zu verschaffen. Noch geschah ja alles auf dem gemeinsamen Lenin-Nenner. Dann wurden die Vorstöße immer kühner – gleichwohl blieb die Kopfleiste stets dieselbe: in steiler Schrift Literaturnaja gasjeta, daneben die beiden "Heiligen" Puschkin (für die ganze russische Klassik) und Gorkij (für den gesamten sozialistischen Bereich). Und mit jeder Ausgabe gab dieses "Organ der Leitung des Schriftstellerverbandes" den ausgeleierten Befehl weiter – daß sich die Proletarier aller Länder vereinigen sollten; daneben prangte ein Sowjetorden und das Sowjetstern-gerahmte Leninbild ... Und dann geschah mit der ersten Mainummer dieses Jahres das russische Wunder: Zierlich wurde die Schrift, nur noch Puschkin prangte als alle vereinigendes Idol; der Peitschensatz samt Lenin wurden ersatzlos gestrichen, und fortan war die "Literaturka" ein Blatt des Schriftstellerverbandes.

Wir alle entsinnen uns noch des gewagten Satzes von Michail Gorbatschow: daß die Perestrojka "unumkehrbar" sei – und das mußte ja miteinschließen, daß man dann auch nicht das Ende dieses Prozesses festlegen konnte. Die Literaturnaja gasjeta war eine der ersten, die das Lenin-Bremserhäuschen abgesprengt hat. Dies verdient unsere Achtung – nur an einem Punkt bin ich skeptisch: Der Preis von zwanzig Kopeken wird sich nicht halten lassen, um diese wichtige Zeitung auf dem neuen Markt zu halten. An diesem Blatt läßt sich ablesen, wie innerhalb der Perestrojka-Jahre ein Seismograph lernte, die Wahrheit anzuzeigen. In diesem spannenden Prozeß der Selbstbefreiung spielte zunächst dies eine wichtige Rolle: das Nachholen, das Wieder-ins-Recht-Setzen von verpönten, verfehmten, verbotenen Schriftstellern. Der Bogen reicht von Nabokov bis Grossman; unvergessen auch die Lanze, die Andrej Wosnessenskij für Pasternaks "Doktor Schiwago" brach – der seither als "Lehrbuch der Freiheit" gilt.

Nach all diesen manchmal schmerzlichen Wiederzulassungen begann die Etappe der Darstellung der eigenen Geschichte: auch dies glich Offenbarungseiden – der Leser erfuhr eine Selbstentwertung der jüngsten Sowjetgeschichte. Allein diese Selbstreinigung vermochte auch zu einer neuen Selbstachtung führen. Erstaunlich war, wie die einstigen Bankrotteure durch die Nennung von Wahrheit die Ausmaße von Schuld eingestanden: Die Verbrechen wurden beim Namen genannt.

Von Nummer zu Nummer wurden Tabus beiseite geschoben. "Plötzlich" – dieses phänomenologisch so bedeutsame Wörtlein für die Russen! –, plötzlich schrieben in diesem "Organ" Bischöfe und Gläubige, plötzlich war es keine staatsfeindliche Tätigkeit mehr, mit Solschenizyn zu sprechen; plötzlich gab es auch die Mystikerin unter den Lyrikerinnen: Marija Awwakumowa; plötzlich war auch der Katholik Tadeusz Mazowiecki ein geachteter Gesprächspartner (nachdem man ihn 1989 noch als "National-Religiösen" abgetan hatte), und plötzlich erhielt (wenn auch posthum) der Regisseur Andrej Tarkowskij noch den Leninpreis.

Nach einer wahrhaft langen Strecke des Freikämpfens begriff man in der Redaktion, daß auch die letzte Vormundschaft fallen muß: die der Einparteienherrschaft. Aber nur langsam ging es in die Köpfe, daß derlei Errungenschaften eben nicht etwas Heroisches zu haben brauchen, sondern daß sie etwas Legales sein müssen. Erst 1990 raffte sich der neue Chefredakteur, Fjodor Burlatzkij, auf, in einem offenen Brief an den Staatspräsidenten (der seinerseits die Autoren Aitmatow und Rasputin zu seinen Beratern bestellt hat) nun auch die offizielle Wiedereinbürgerung Solschenizyns zu fordern, nachdem seine Werke längst in der Heimat wieder gedruckt werden. Noch fehlt die Rechtsreform als dauerhafte Grundlage dieser neuen Souveränität, noch fehlt es an wirtschaftlicher Sicherheit: aber nun ist die Literaturnaja gasjeta wieder zurückgekehrt in den großen Kreis europäischer Zeitungen, in denen ein Wladimir Maximow (der in Paris lebende Kontinent-Herausgeber) dieselbe Achtung genießt wie Umberto Eco, Milan Kundera oder Václav Havel. Godehard Schramm