Von Lynn S. Baker

SANTA MONICA. – Als Medizinstudentin arbeitete ich mit einem Ärzteteam, das einen vierjährigen, an Leukämie erkrankten Jungen betreute. Eine Knochenmarktransplantation war seine einzige Heilungschance. Von den Angehörigen kam nur sein Vater – der sich von der Mutter des Jungen getrennt hatte – als potentieller Spender in Betracht. Der Vater lehnte es aber ab, sich als möglicher Spender einem entsprechenden Test zu unterziehen. Der Junge starb innerhalb eines Jahres.

Keiner von uns, der mit diesem Fall zu tun hatte, nicht einmal die Mutter, kam auf den Gedanken, daß sich der Vater mit seiner Entscheidung im Unrecht befinden könnte. Doch die Zeiten haben sich geändert.

In Illinois ringt erneut ein von Leukämie bedrohtes Kind um sein Leben. Und wieder gibt es bloß eine Hoffnung: die Knochenmarktransplantation. Als potentielle Spender eignen sich von allen Verwandten nur seine beiden dreijährigen Halbgeschwister. Ihre Mutter weigerte sich jedoch, die Zwillinge als Spender testen zu lassen. Darauf verklagte der Vater der Zwillinge die Frau.

Der zuständige Bezirksrichter entschied gegen den Vater. Seine Begründung: Die Zwillinge zwangsweise solchen Tests zu unterwerfen stelle einen schwerwiegenden Eingriff in das Persönlichkeitsrecht der Kinder dar. Der Rechtsanwalt der Mutter argumentierte noch deutlicher: "Hätte das Gericht angeordnet, daß sich die Kinder solchen Tests unterziehen müßten, könnte der nächste Schritt sein, daß sich künftig jeder von uns einem solchen Verlangen zu beugen hätte. Dann aber gibt es kein Zurück mehr."

Der Fall kommt demnächst vor das Oberste Gericht von Illinois. Er ist insofern von besonderer Bedeutung, als er eine Frage aufwirft, die seit geraumer Zeit viele Menschen umtreibt: Gibt es Einschränkungen des Rechts auf Leben?

Ich glaube, ja. Dem Recht eines Menschen auf sein eigenes Leben sollte dort die Grenze gezogen sein, wo das Recht eines anderen beginnt. Wir holen niemanden von der Straße und zwingen ihn zu einer Blutspende, obwohl Blutkonserven knapp sind. Wir verladen nicht Leute in Gefangenentransporter der Polizei und zwingen sie, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, selbst wenn mit derartigen Maßnahmen Leben gerettet werden könnten. Denn der Gewinn des geretteten Lebens wiegt den Verlust der Freiheit nicht auf, den jeder von uns dafür zu erdulden hätte.