Von Katharina Rutschky

Claire Tomalins Buch über jenes seltsame Mädchen aus Neuseeland, das in London Karriere machen wollte und allzu früh als junge Schriftstellerin in der Kommune eines wandernden Propheten in Fontainebleau an Tuberkulose starb, ist bereits die dritte große Biographie, die in einem Zeitraum von nicht einmal zehn Jahren erschienen ist. Das Material, das Jeffrey Meyers (1978), Anthony Alpers (1980) und nun Claire Tomalin zur Verfügung stand, ist jeweils dasselbe, so daß die drei sich voneinander nur durch den Scharfsinn unterscheiden lassen, mit dem sie strittige Punkte und dunkle Ecken beleuchten, die es nach wie vor in Hülle und Fülle in diesem unruhigen Leben gibt.

Die Frage, ob Katherine Mansfields populäres, aber kleines Werk von rund tausend Seiten – vor allem Erzählungen und ein schmaler Band mit Kritiken – diese ganze widerkäuende Biographik überhaupt lohnt, stellt auf der angelsächsischen Szene offenbar niemand, jedenfalls nicht so, wie wir sie mit unserer ungeselligen Auffassung von Literatur stellen würden. Wo das Verhältnis von Text und Autor hierarchisch geregelt ist, wird die Biographik immer ein bloßes Hilfsmittel im Vorfeld strenger Analyse bleiben, aber niemals als eine genuine Methode der Auseinandersetzung mit Literatur akzeptiert werden.

Vom Grundsätzlichen einmal abgesehen, hat das anhaltende Interesse an der im Jahr 1923 gestorbenen Schriftstellerin aber auch mit der Faszination zu tun, die ein kühnes und mit Roheit gegen sich und andere durchgesetztes Lebensprojekt auf den kompromißbereiten Durchschnittsmenschen nun einmal ausübt.

Worauf dieses Leben schließlich hinauslaufen sollte, stand nicht von Anfang an fest, obwohl Katherine Mansfield bereits als Kind tagträumte, Geschichten schrieb und in Schulzeitungen gedruckt wurde. Im Jahr 1908, wenige Wochen, ehe sie Neuseeland und ihre wohlhabende Familie für immer verließ, schrieb sie in ihr Tagebuch, sie brauche "Macht, Reichtum, Freiheit" zu ihrem Glück und sei nicht willens, sich die "Liebe" als den einzigen Lebensinhalt aufschwatzen zu lassen, der für Frauen vom Jahrgang 1888 in ihren Kreisen obligat war. Drastisch gesagt und ohne jede von heute aus naheliegende feministische Umdeutung, war es der Ehrgeiz, der sie trieb, sich auf dem "Umweg" über die Arbeit und die eigene Leistung Anerkennung, Liebe und Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Durch den Ehrgeiz und nicht durch irgendwelche Überzeugungen oder Einsichten unterschied sie sich von ihren braveren Schwestern und hatte deshalb die Energie, das Leben der höheren Tochter mit dem in der Londoner Boheme zu vertauschen. Auch Claire Tomalins Biographie, an die man als die jüngste die höchsten Ansprüche stellt, schöpft die Fakten hier nicht richtig aus. Mancher Leser und vor allem viele Leserinnen, die solche Fallgeschichten nach Lehr- und Lernbarem durchforsten, werden, wie ich, von einem Zustand kribbeliger Ungeduld in den nächsten geraten bei der Lektüre. Scheint in der Kälte und Gleichgültigkeit von Katherines schöner Mutter nicht bereits ihre eigene spätere Einsamkeit und Unabhängigkeit angelegt zu sein? Als dritte, noch dazu häßliche, dickliche Tochter war sie ganz gewiß eine große Enttäuschung für ihre Eltern, denen nach weiteren zwei Mädchen dann endlich als letztes und sechstes Kind ein Junge geboren wurde. Unter welchen Bedingungen werden solche Kränkungen in Mut und Energie, eben Ehrgeiz verwandelt? Das sind nur zwei Fragen, von denen ich wünschte, daß der moderne Biograph sie für uns stellt, auch wenn er sie nicht sicher beantworten kann.

Warum wurde sie Schriftstellerin? Ein anderer als ein künstlerischer Beruf kam für Mädchen bürgerlicher Herkunft und entsprechend schöngeistiger Schulbildung überhaupt nicht in Frage. Sie hatte Talente als Sängerin, Schauspielerin und Cellistin – diesen riskanten Berufen gegenüber mußte der der Schriftstellerin geradezu noch sicher und seriös erscheinen.