Hamburg

Der stern lügt", behauptete am Dienstag ein Transparent am Eingang des Verlagshauses Gruner + Jahr. Knapp hundert Bewohner der umstrittenen Häuser in der Hamburger Hafenstraße hatten die Kantine des Verlags besetzt. Sie tranken Kaffee, spielten Karten und drohten zu bleiben, bis die Illustrierte den Abdruck einer vierseitigen Erklärung zugesagt hätte. Die Besetzer wollten, wie es in einem Flugblatt hieß, "die Menschen, die die Lügen und den Dreck über uns lesen mußten, auf diesem Wege" erreichen. Doch schon in der Kantine blieb vielen unklar, worum es ging. Ein Graphiker hatte die Berichte des sterns über angebliche RAF-Terroristen in der Hafenstraße nicht gelesen. Ein anderer Verlagsmitarbeiter wunderte sich, daß niemand aus der Stern-Redaktion sich sehen ließ. "Die haben Angst", vermutete er.

Im September hatte der stern unter Berufung auf die Bundesanwaltschaft berichtet, in der Hafenstraße befinde sich ",eine Schaltzentrale’ der RAF". Terroristenfahnder hatten einem Redakteur aus laufenden Ermittlungen geheime Details verraten, Hinweise auf mögliche Anschlagspläne. Noch ehe das erste Heft verkauft war, hieß es aus Karlsruhe: "Bei der Durchsuchung des Generalbundesanwalts in der Hamburger Hafenstraße am 15. Mai 1990 sind in der Tat unter anderem Stadtpläne von Ludwigshafen/Mannheim, Stuttgart, Bremen, München aufgefunden worden, die Markierungen aufweisen, die eine räumliche Nähe zu Wohnsitzen und/oder Arbeitsstätten von Politikern und Industriellen aufweisen." Mehr, versichert Hans-Jürgen Förster, Sprecher des Generalbundesanwalts, habe seine Behörde nie behauptet – "Staatsanwälte spekulieren nicht".

Für den stern schien jedoch sofort klar, daß die Hafenstraße "wohl eine entscheidende Basis der RAF" sei. Wer der Illustrierten Einblick in das Ermittlungsverfahren gewährte, ist nicht bekannt. Der Zeitpunkt aber muß den Gegnern der Hafenstraße gut gepaßt haben. Der Bericht erschien, unmittelbar bevor das Hamburger Landgericht einen Beschluß im Kündigungsprozeß bekanntgeben wollte. Wegen angeblicher Straftaten der Bewohner hatte der Senat im April vergangenen Jahres fristlos den Pachtvertrag gekündigt, der die Mieter der Hafenstraßenhäuser verpflichtet, "darauf hinzuwirken, daß aus dem Pachtobjekt heraus keine strafbaren Handlungen begangen werden".

Dem Lärm um die angeblichen Terroristen in der Hafenstraße folgten eher leise die ersten Dementis. Das Bundeskriminalamt bestritt, was der stern unter Berufung auf "Experten" und "Staatsschützer" behauptet hatte: daß ein neuer Hungerstreik der RAF bevorstehe, der "diesmal von Terroranschlägen begleitet" werden könnte, und daß besonders vor den Wahlen im Dezember Attentate zu befürchten seien. Auch die Bundesanwaltschaft kommentierte den Bericht skeptisch. Viele der Hamburger Autonomen seien "persönlich an RAF-Aktivitäten beteiligt", hatte der stern behauptet und sich dabei auf die Karlsruher Behörde berufen – ohne dort auch nur nachzufragen, wie sich nun herausstellt.

Dem Autor genügte als Beweis ein vager Anfangsverdacht der Bundesanwaltschaft. Nach drei Vorfällen im Jahr 1988, von denen der schwerwiegendste der Diebstahl von Autokennzeichen war, hatte die Behörde ein Verfahren gegen eine vermutete terroristische Vereinigung eingeleitet – verdächtig erschien offenbar, daß jedesmal Bewohner der Hafenstraße beteiligt waren. Im Sommer vergangenen Jahres wurde das Verfahren eingestellt. Der stern vermutete sogleich eine Verschwörung der Liberalen, von der Hamburger FDP bis ins Bundesinnenministerium, die den Generalbundesanwalt daran gehindert habe, ernsthaft zu ermitteln. Sein Pressesprecher dementiert auch das.

Tatsächlich ist den Bewohnern der umstrittenen Häuser offenbar kaum Gerichtsverwertbares vorzuwerfen. Zwei Wochen nach dem Bericht des sterns wies das Hamburger Landgericht im Pachtvertragsprozeß den Senat ein weiteres Mal ab. "Die bisherigen Kündigungsgründe reichten offenbar nicht aus", sagte ein Gerichtssprecher. Der Prozeß geht weiter. Ganz folgenlos wird der Bericht vermutlich dennoch nicht bleiben. Die Bundesanwaltschaft will gegen den unbekannten Informanten ein Verfahren wegen Geheimnisverrats einleiten.

In der Kantine von Gruner + Jahr wurde der Konflikt nicht gelöst. Hafenstraßenbewohner rückten gegen Abend schon mit den ersten Schlafsäcken an. Dann wurde der Saal durch die Polizei geräumt. Frank Drieschner