Donnerstag, 11. Oktober: "Willkommen im Club"

Mit der Moderne kam das Mondäne, und es versank wohl mit jener. Oder gibt’s das noch: teure Bars mit gefährlichen Frauen und verschwiegenen Herren, mit perversen Kellnern, verrauchten Hinterzimmern und verruchten Separees? Klar gibt’s das noch, aber seit es nicht mehr verboten ist, hat es kein Flair mehr. Das Mondäne ist Geschichte und als solche zum Verwursten freigegeben. Machen wir eine Ausstellung drüber!

Oder eine Fernsehshow. All jene, die sich noch der Zeit erinnern, als die Sünde verboten war, werden gern einschalten. Für Leute ohne Hang zum Zwielicht geben wir ein paar lustige Nummern bei, und die Jugend kann uns mal. Bühne frei für Harald Juhnke beziehungsweise Willkommen im Club!

Diese Sendung, am 11. Oktober zum achtzehnten Mal im Programm gewesen, zehrt ganz offen vom untergegangenen Nimbus des Mondänen, mischt es mit volkstümlichem Klamauk und bürdet Gastgeber Juhnke die Balance der so ganz unterschiedlichen Elemente auf. Und dieser Typ, unser deutscher Frank Sinatra so gut wie unser Jack Lemmon, hält die Bälle in der Luft. Wenn er intoniert "Nimm alles halb so wichtig", ist sie da, die Atmosphäre, in der noch alle Herren soffen, weil die Damen so waren, daß man sie anders nicht überlebt hätte. Und wenn er den Hotelportier gibt, der das Fleischgericht im Naturdarm mit Sauce à la Taj Mahal auf die Currywurst zurückführt, dann schmeckt die Klamotte. Da capo, Harald Juhnke. Wie macht er das nur?

Er hat eine phantastische Stimme. Dieses rauhe, gebrochene Organ orgelt locker in der Untiefe, verschmäht nicht eine lautstark-schneidende Quäk-Lage und schwingt sich anstrengungslos in die feinste Hochspannung. Wenn er singt, läßt er Töne fallen, die alles nur halb so wichtig nehmen, denn das "bringt doppelt soviel", und dabei deutet er mit minimalen Schlenkern der Schultern und der Knie einen Schritt an, der einst Steptanz hieß. Sein Gesicht, ein bißchen müde und trotz der zu einem Bleck-Lächeln hochgerollten Lippen eher maskenhaft-abweisend, scheint zu sagen: Was soll der Quatsch eigentlich? Und diese Frage läßt man ja gern immer wieder offen.

Im Club traten die Sängerinnen Patricia Kaas, Marianne Rosenberg und Ute Lemper auf. Sie trugen Schwarz, zeigten Bein und Zahn und staksten durch jene idiotische Erfindung, die Trockeneisnebel heißt und die Bühne angeblich in ein waberndes Mysterium verwandelt, sie aber in Wirklichkeit nur dampfen läßt wie eine alte Waschküche. Am Arm eines Engländers erschien ein Stoffvogel, der mit den Mädels schnäbelte und Juhnke biß. Eddi Arendt übertölpelte Heidi Kabel und Juhnke Gunther Phillip.

Warum der Club so schaurig gar nicht ist wie eine Unterhaltungssendung dieses Kalibers im deutschen Fernsehen sonst? Weil Tempo aufkommt, weil Juhnke die gefürchteten "Plaudereien" mit seinen Gästen äußerst kurz hält, und weil er, umschwebt vom Emil-Brandl-Ballett, so nett singt: "Haltet die Erinnerung wach an diese wunderschöne Zeit." Womit er unmöglich einen schlichten Donnerstag gemeint haben kann, sondern jene Epoche der Prohibition, als Bars einen Mann noch ruinieren konnten, als Kellner im Hauptberuf Buchmacher waren oder Zuhälter, als der Blick einer Marianne oder Patricia ein Attentat war und ein Drink ein Delikt. Barbara Sichtermann