Von Manfred Sack

Wahrscheinlich hatte der Dortmunder Architektur-Professor Josef Paul Kleihues, als er unter den mißbilligenden Blicken sozial fixierter Kollegen den Museumsbau zum Thema eines Symposiums machte, nicht geahnt, daß es sie alle bald mächtig in Bewegung setzen würde. Damals, vor elf Jahren, als Baukunstansprüche noch in Anführungszeichen getarnt wurden, hatte er als einer der von immer mehr Baugesetzen, Verordnungen, Normen, Richtlinien Strangulierten leise geklagt, daß für die Architekten „die Planung von Museen so etwas wie einen letzten Freiraum für die Übung des Entwerfens mit ,künstlerischen‘ Ambitionen“ darstelle. Und beinahe über Nacht bekamen die Architekten mehr Gelegenheit als je, ihren Ehrgeiz zu entfalten, und nirgendwo so vehement wie in Frankfurt, das am Main (und in seiner Nähe) Museum auf Museum gründete, erneuerte oder erweiterte, dreizehn an der Zahl, und damit den Hohn auf Mainhattan und Bankfurt vergessen machte.

Schon flieht man zur Beschreibung des Erfolges ins Wirtschaftsvokabular, denn es boomte wie verrückt. Und es summt und braust noch immer. So viele Bewohner im westlichen Deutschland, so viele Besucher jährlich in seinen Museen. Kaum zu begreifen die Sammelgier und die Baulust, das Raffen und Horten, der konservatorische Eifer der Politiker und das Protzen mit prachtvollen Gebäuden. Unentwegt wird weitergegründet, weitergebaut und eröffnet – in Kornwestheim, das sich seine schöne städtische Galerie mitsamt einem Saal von Kleihues hat bauen lassen, und in Mannheim, dessen Museum für Technik und Arbeit bald immer mehr bewundert werden wird, in Frankfurt sowieso, es hat in diesem Jahr allein vier neue Museen bekommen (und kriegt im Frühjahr das nächste hinzu und in ein paar Jahren noch eines). Neu sind in Frankfurt das kleine, etwas steife Ikonenmuseum im Deutschherrenhaus (von Oswald Mathias Ungers) und der Erweiterungsflügel des Museums alter Plastik, des Liebieghauses, ein letztlich allen postmodernen Versuchungen widerstehender, dem Altbau sich anpassender, aber mit Stahl und Glas und Marmor zu eigener Sprache findender, wohlgeratener Anbau (von Ernst Ulrich Scheffler und Thomas Warschauer); seine Pointe ist ein kleiner, achteckiger, spitz gedeckter Turm für die Göttin des Museums, die Athena von Myron. Unterdessen gibt es auch das Deutsche Postmuseum (von Behnisch und Partnern) und, vorige Woche eröffnet, Gustav Peichls Erweiterungsbau für das Städelmuseum.

So, als verstünde sich das von selber, werden die Frankfurter Museen auch gleich mit sich selber gefeiert. Im Deutschen Architekturmuseum, das die erste neue Perle in der Museumskette war, führte sich sein neuer Direktor, der aus Rom gebürtige, in Stuttgart promovierte Architekt Vittorio Magnago Lampugnani, mit der Ausstellung „Museumsarchitektur Frankfurt 1980-1990“ ein, einer partienweise sogar spannenden Schau, der die kleinen Mängel und die albernen Beflissenheiten (bei Modellen: „finnische Holzpappe, Drahtgitter, Holz“) nicht viel anhaben. Sie läßt Revue passieren, was ja unterderhand zu einer internationalen Bauausstellung in der Stadt geraten ist.

Die Erweiterung der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut (wie sie vollständig heißt) durch den Wiener Architekten Gustav Peichl ist, wie wundersam, ein Dreivierteljahr früher als vorgesehen zu Ende gebracht worden, händereibend früher als das mit Unwillen verfolgte Konkurrenzprojekt des Museums für Moderne Kunst (des Wieners Hans Hollein): ein bleicher Monolith, in Maß und Gliederung präzise auf den würdevollen Stadel-Bau bezogen, mit ihm durch eine (merkwürdig sich dagegen sträubende) Brücke verbunden, seinen eigenen Wert behauptend. Der neue Bau ist von feierlicher Zurückhaltung und von distanzierter Zuneigung; das Alte wird nicht übertölpelt, das Neue nicht vertuscht: So, denkt man, sollten Alt und Neu sich begegnen.

Wenn man sich erst an den südafrikanischen Kalkstein und sein dunkel nur schwach durchflammtes, mächtig kalkiges Weiß, also an den kalten Kontrast zum gelben Sandstein des Altbaus gewöhnt hat, sieht man die unaufdringlichen Bezüge: gleiche Höhe, gleiche Breite, Form und Anordnung der Fenster vom Nachbarn abgeleitet. Dennoch ist der Bau in wesentlichen Zügen anders: kein Sockel; rhythmisch ausgeklügelter Fugenschnitt; drei, vier Pointen in der vornehmen Fassade. Dazu gehören am klösterlichen, gottlob so bewahrten, von Bäumen umringten Gartenhof ein hoher halbkreisförmiger Treppenerker, der rechts in die Fassade ausschwingt; an der schrägen Schmalseite der Depoteingang mit seinem gläsernen Baldachin in Gestalt eines Parallelepipeds, eines leicht verschobenen Dreiecksprismas, das als Grundfläche ein Parallelogramm hat; das sind die tiefen Kerben in der Fassade, die den Kopfbau (mit dem Eingang) vom Langbau trennen; das ist schließlich das hohe, seinen Stehkragen-Pomp ausspielende Portal mit der Eichentür, den zwei Fähnchenstangen hoch darüber, den Lisenenbündeln in den seitlichen Laibungen.

Natürlich will das Portal hier, an der Holbeinstraße, nicht bloß als Tür fungieren. Tritt man ein, reißt man die Augen auf: ein eleganter, schön gefaßter quadratischer Raum, darin eine schachbrettartig gemusterte Kreisfläche, umstanden von sechs weißen Säulen, denen als Basen Stahlmanschetten umgelegt sind. An den Seiten die Kasse, der Buchladen, die Garderobe, hinter einer Wand die Treppe hinab (zum Vortragssaal), vor allem die Treppe hinauf mit einer Galerie oben und einem angespitzten Pfosten unten, einem Peichlschen Spaß neben anderen, offenbar vom Thema angeregten spielerischen Einfällen.