Von Gerhard Drekonja-Kornat

Europa, belastet von Weltkriegstrümmern, hat seinerzeit den 17. Oktober 1945 von Buenos Aires, den peronistischen „Tag der Treue“, glatt übersehen. Heute lassen sich die Europäer allenfalls durch das Musical „Evita“ daran erinnern.

Aus der Entfernung sah damals alles nur nach einem schäbigen Machtkampf unter Junta-Generälen aus. Argentinien, noch reich und aristokratisch – seit der Revolution von 1930 eher schlecht denn recht regiert –, hatte in den letzten zwei Jahren nacheinander drei Putschgeneräle an der Macht erlebt.

Von den militärischen Verschwörern, organisiert in ihrer eigenen Geheimgesellschaft, wußte man wenig. Einer jedoch, der fünfzigjährige Oberst Juan Domingo Peron, sollte bald weltbekannt werden. Zunächst schwärmten für den Witwer und baldigen Pensionär höchstens einige Damen aus der niederkastigen Tango-Gesellschaft: Dem blendend aussehenden, blasierten, manchmal sogar schlagfertigen Offizier war sein Alter nicht anzumerken. Als Fechter, Boxer und Skiläufer hatte er sich in der Tat gut in Form gehalten.

In der Armee – mit fünfzehn trat er ins Colegio Militär ein – hatte sich Peron, wie alle anderen Kameraden auch, in Provinzgarnisonen hochgedient; er schaffte später den Sprung zur Kriegsschule, publizierte die üblichen Hefte über Kriegskunst, heiratete in die kleinbürgerliche Gesellschaft ein. 1939, nach dem Tod seiner Gattin, ließ er sich als Militärattache nach Rom versetzen. Peron bereiste Europa, beobachtete die ersten Kämpfe des neuen Krieges, guckte sich vom faschistischen Diktator Mussolini dessen Gestik ab. 1941 kehrte der Oberst nach Argentinien zurück, um die 1. Heeresdivision zu übernehmen.

Unter den Putschisten von 1943 zählte Peron vorerst lediglich zur zweiten Garnitur. Indes, der Oberst zeigte sich interessiert am Ministerium für Arbeit und Soziales, lernte rasch die Sprache der Arbeiter, das Verhandeln mit den von ihm geförderten Gewerkschaften. Die ersten großen Sozialgesetze Argentiniens seit der Weltwirtschaftskrise wurden von ihm unterzeichnet. Seine Putsch-Kameraden vermerkten sein Geschick, ernannten ihn zusätzlich zum Kriegsminister und dann auch zum Vizepräsidenten. Peron rückte in die erste Reihe vor.

Die Monate verstrichen. In Europa und im Pazifik endete der große Orlog, in dem ein faschistenfreundliches Argentinien Neutralität praktiziert und erst am 27. März 1945 Deutschland den Krieg erklärt hatte. In Buenos Aires befahlen immer noch die Offiziere. Doch der nordamerikanische Botschafter Spruille Braden, von Kriegsminister Peron als „Cowboy Braden“ verspottet, pries die Tugenden der liberalen Demokratie. Argentinische Parteipolitiker, Konservative und bürgerliche Radikale, die sich, im Gegensatz zu den Uniformträgern, gern an Washington orientierten, witterten ihre Chance. Mit dem Ruf nach Wahlen trieben sie die Militärs in die Enge.