Von Walther Killy

In Sigmund Freuds Abhandlung „Das Unbehagen in der Kultur“ befindet sich ein bemerkenswerter Satz zur Rechtfertigung seiner Lehren: „Ich meine ...“, so heißt es, „sie stellen jene Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung der Tatsachen her, nach der wir in wissenschaftlicher Arbeit streben.“ So schrieb der Vierundsiebzigjährige, der schon fast ein halbes Jahrhundert zuvor das Scheitern eines Kollegen mit dem Satz erklärt hatte: „... er wußte wenig, drang nie tief ein, und von den Grundbedingungen der Wissenschaftlichkeit: Kritik und Gründlichkeit, fehlte ihm alles.“

Auf den ersten Blick kann es scheinen, als ob in beiden Zitaten nur die Rede sei von den Verfahrensweisen wissenschaftlicher Arbeit, deren Vorbedingungen, wenn anders jene ihren Namen verdienen soll, freilich in „Kritik und Gründlichkeit“ bestehen. Abei die allein tun’s nicht, so wenig, wie das Wasser allein zur Taufe genügt. Am Anfang allen Forschens steht die produktive Frage; die Antwort findet sich im nüchtern-gründlichen Umgang mit dem Gegenstand, welcher immer es sei, mit seiner unabsehlichen, widerständigen, widersprüchlichen, erdrückenden Fülle und Überlegenheit. Und was als Antwort auf die Frage schließlich zutage gefördert wird, bliebe unrealisiert, wenn es nicht greifbare, nachprüfbare und einleuchtende Darstellung fände. Das Medium derselben nennen wir wissenschaftliche Prosa.

„Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung der Tatsachen“. Damit ist die Aufgabe benannt, die sich dem schreibenden Gelehrten (wählen wir ruhig den altfränkischen Namen) an seinem hoffentlich stillen Schreibtisch stellt. Aber es ist nicht die einzige, wenn sein Schriftwerk bestehen soll. Will es nicht vergebens sein, so muß es überzeugen, den Leser, den Liebhaber und den Fachgenossen. Über das Wie ist viel nachgedacht worden seit den Alten.

„Perspicuitas“, Durchsichtigkeit und Deutlichkeit, hat der Römer Quintilian in seinem Lehrbuch als allererste Erfordernis guter Prosa genannt, und wie eine Spiegelung solcher überlieferten Weisheit klingt Schopenhauers Satz: „Alles Entbehrliche wirkt nachteilig. Das Gesetz der Einfachheit und Naivität, da diese sich auch mit dem Erhabensten verträgt, gilt für alle schönen Künste.“

Man nehme nicht Anstoß an der Wendung „schöne Künste“, die in unsere Überlegungen als Äquivalent der helles lettres mehr als nur ein ästhetisches Element einbringt. Auf bewundernswerte Weise finden wir es begründet in einem Grundbuch der Historischen Schule, in Johann Gustav Droysens „Historik“, wenn er von „historischer Darstellung“ sagt, sie sei „künstlerischer Art... nämlich eine Mimesis der Untersuchung.“ Das klingt theoretischer und gelehrter, als es in Wahrheit ist. „Mimesis der Untersuchung“ ist das textgewordene Abbild der vorschreitenden intellektuellen Bewältigung des Gegenstandes, ein, wie er es nennt, „logisches Kunstwerk“. Dem geht Arbeit voraus, ganz ähnlich der von Freud beschriebenen. Wenn jener von „Vereinfachung ohne Vernachlässigung“ sprach, so sagt dieser: „Man muß viel mehr wissen und vor dem Auge der Seele haben, als man dann benutzt.“ Schon zuvor hatte Droysen dafür eine Begründung gegeben, welche ebenfalls das Ästhetische mit dem Methodischen verknüpft: „Die Eleganz der Untersuchung besteht darin, daß man die Darstellung von allem, was nicht auf dem Weg zum Ergebnis weiterführt, befreit, und daß man diesen Weg selbst behutsam und streng verfolgt.“

„Die Eleganz der Untersuchung“ – ein Ausdruck, der als Lob gemeint nur noch bei den Mathematikern überlebt und der doch bei unseren Vorvätern zur Dignität wissenschaftlicher Prosa gehörte. In ihm ist die Verschwisterung von Sachgehalt und ästhetisch überredender Form enthalten. In wiederum Schopenhauers unübertreffliche! Wendung: „Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken.“ Der Satz war dem im Hinblick am Frauen eher grämlichen Philosophen so wichtig daß er ihn anschaulich variierte: „Die Wahrheit ist nackt am schönsten“, schrieb er und fügte hinzu „und der Eindruck, den sie macht, umso tiefer, als ihr Ausdruck einfacher war“. An dieser Stelle trifft sich der Philosoph mit dem zwanzig Jahre jüngeren Historiker, und der Faden wird aufgenommen vom Seelenarzt, der der zweiten Hälfte des vorigen und dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehört.