Von Bernd Gerhardsen

Er steht mit der Tasche in den Pfutzen vor dem „Hauptbahnhof Berlin“ (so nennen sie den „Ostbahnhof“ seit einigen Jahren), wo die Busse anlegen und aus klappernden Türen bunte Reisende entlassen in graues Gelände. „Schlesischer Bahnhof“, so wie er früher hieß, war unerlaubt. Dafür gibt es jetzt eine postmoderne Ziegelverblendung an der Südwestfront des Bahnhofs, darunter einen Kiosk mit brustlastigen Zeitschriften („Sex in Saxen“). Schwach radioaktive Züge aus Kiew und Minsk rollen ein. „Besuchen Sie die untere Ebene / Wir bieten Ihnen Speisen und Getränke, Salate, Wurst, Schinken, Brot u.v.a.m. Ihre Mitropa“ steht auf einer Tafel, mit Kreide geschrieben.

Es ist der erste gesamtdeutsche Werktag. Die Feuerwerke sind verraucht. Zwielicht regiert die Stunde. Da fahrt der D-Zug aus der großen Halle. Die Schaffner befolgen die Reklame „Test the West“. Draußen dröhnt schon der S-Bahnhof Jannowitzbrücke vorbei, der mit den Spreemowen und dem Buchstabenrest des VEB Zigarettenfabriken jenseits des Flusses.

Haben wir eine der schweren Dieselloks made in Kiew vorne dran, mit dem kyrillischen CCCP-Symbol auf dem Fabnkations-Medaillon? Weiß noch jemand hier im Zug, daß beim Mühlendamm, wo die Spree sich gabelt, die Urzelle Berlins lag? Blende elf – ist das die rechte Belichtung für den Diafilm in der Kamera des ruckreisenden Deutschkanadiers, der da weit aus dem Fenster lehnt, um zuerst die Reste der alten Stadtmauer, dann das Alte Stadthaus und das Rote Rathaus und – flitz auf den Gang – den Alex mit den zwei überdimensionalen Colabüchsen mittendrauf zu knipsen?

*

Keine Halbstadtrundfahrt mehr. Die Potemkin-City, allen Rots beraubt, schiebt sich vorbei: mittendrin Sankt Marien mit dem Suhnekreuz, der Palast der Republik, hinten Sankt Nicolai; der Dom mit blattgoldenem Dekor; über den letzten Braunkohlekahnen der korinthische Tempel der Nationalgalerie. Beim Bahnhof Friedrichstraße sind die Sichtblenden gefallen: freier Blick in geheime Fuhrparkhofe des Wachregiments. Eine Dame aus Babelsberg kommt ins Abteil, gefolgt von der Lektorin eines großen Verlages. Leise Begrüßung. Draußen, an der Trennwand zwischen einstigem West- und einstigem Ost-Perron, steht Robotron und Zeiss Jena.

*