Erst willkommen, nun will sie keiner

Von Roland Kirbach

Essen

Kujtim Idrizi legt großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Als er hört, daß ein Photograph kommt, putzt er sich rasch die Zähne, kämmt die Haare, zieht ein braunes Cordsakko über und setzt ein Dauerlächeln auf. Der 28jährige Albaner steht zu seiner Eitelkeit. Schon als Kind, erzählt er, sei er von der westlichen Mode fasziniert gewesen, aus diesem Grunde habe er schon früh Ärger mit den Ordnungshütern in seiner Heimat bekommen. Sie hätten hinter dem vergleichsweise unpolitischen Modetick und den langen Haaren des Jungen oppositionelle Aufsässigkeit vermutet.

Kujtim Idrizi ist auch ein religiöser Mensch. Obwohl Albanien sich 1967 zum ersten atheistischen Staat der Welt erklärte und jede Religionsausübung unter Strafe stellte, habe die Religion nie an Bedeutung verloren, sagt Kujtim, eher im Gegenteil. Die Leute beteten heimlich zu Hause, immer auf der Hut, nicht erwischt zu werden. Als Kujtim während seines Militärdienstes in der Nähe seiner Kaserne eine Kirche entdeckte, schlich er sich dorthin, um zu beten. Kameraden hatten ihn dabei beobachtet und angezeigt. Kujtim kam für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis und wurde zur Zwangsarbeit in einem Bergwerk verurteilt.

Nach seiner Entlassung sann er nur noch nach Möglichkeiten, das Land zu verlassen. Die Entscheidung zu fliehen, sagt er, sei im Grunde schon als Kind gefallen; durch nichts ließ er sich mehr davon abbringen. "Mein Vater warf sich vor mir auf den Boden und flehte: ‚Töte mich lieber, aber geh nicht weg!‘" Im Sommer dieses Jahres schließlich fand sich eine Gelegenheit: Als im Juli insgesamt 3200 Albaner auf das Gelände der deutschen Botschaft in der Hauptstadt Tirana flüchteten und die Sicherheitskräfte überraschenderweise nicht eingriffen, war Kujtim dabei. Nach Tagen des Hoffens und Bangens ließ die albanische Regierung die Flüchtlinge ausreisen, mit Beifall wurden sie in der Bundesrepublik willkommen geheißen.

Inzwischen ist der Alltag eingekehrt und mit ihm große Ernüchterung. Kujtim Idrizi kam nach Essen. Mit 39 weiteren Landsleuten wurde er in einem Flachdach-Pavillon einer stillgelegten Grundschule untergebracht. Je zwölf Personen teilen sich ein ehemaliges Klassenzimmer als Schlaf- und Aufenthaltsraum. Im Hauptgebäude der Schule und in einem auf dem Pausenhof errichteten, zweigeschossigen Wohncontainer leben Polen-Aussiedler. Und in der Turnhalle sind seit kurzem 38 Roma aus Osteuropa einquartiert – insgesamt rund 250 Menschen. Roma und Albaner müssen sich zwei Toiletten teilen, und Duschen gibt’s nur in der Turnhalle. Wäsche muß im Eimer gewaschen werden, anschließend wird sie zum Trocknen auf die Büsche der Umgebung verteilt. Die früheren Klassenräume sind völlig verdreckt, "Putzen wird in Albanien als Frauenarbeit betrachtet", sagt der Diplom-Sozialarbeiter Herbert Fürtges von der Essener Caritas, der sich um die Albaner – 39 Männer und eine Frau – kümmert. Manchmal heuert die Stadt eine tamilische Asylbewerberin für 1,50 Mark Stundenlohn zum Putzen an; fürs Toiletten-Reinigen gibt’s zwei Mark je Stunde.