Wäre ich ein Lyriker, ich würde versuchen, die wolkenlose Himmelsbläue des 13. März 1924 in einen symbolischen Zusammenhang mit der Auflösung des Reichstags zu bringen, die sich an diesem denkwürdigen Vorfrühlingstag zugetragen hat. Einem okkultistisch Orientierten gäbe das ominöse Datum Veranlassung zu düsteren Horoskopen. Mich aber zwingt vielseitige Chronistenpflicht festzustellen, daß in zeitlicher Nachbarschaft der Reichstagsauflösung auch das Ende des XII. Berliner Sechstagerennens stattgefunden hat und daß dieses einer stärkeren Aufregung Ursache war als der Tod des ersten deutschen republikanischen Parlaments.

Er war unnatürlich, aber keineswegs gewaltsam. Die meisten Abgeordneten saßen während der Agonie in den Speisesälen (in diesem parlamentarischen Restaurant, in dem, charakteristisch für Deutschland, die Abgeordneten nach Parteien getrennt zu essen pflegen: Nationale, Volksparteiler und Völkische sitzen in einem Saal, den die Journalisten "Monarchistensaal" nennen. Wie tief sind die Klüfte zwischen den Weltanschauungen, wenn ihre Vertreter sogar bei der menschlichsten aller menschlichen Schwächen: dem Essen, jede Gemeinsamkeit meiden!). Viele wanderten rauchend in den Wandelgängen und unterhielten sich. Politisch "Eingestellte", Parlamentsberichterstatter, Leute vom Fach mögen aus diesen Spaziergängen entnehmen können, daß sich irgend etwas hinter den Kulissen der Weltgeschichte ereignet. Den harmlos Unpolitischen gemahnten die gemächlichen Plaudereien in Korridoren an die entfernten und nur gesellschaftlich interessierten Verwandten eines Mannes, der im Nebenzimmer stirbt, dessen Tod seit Wochen unabwendbar gesichert ist und über dessen Verlust bereits alle getröstet sind. Das Mittagessen in den Speiseräumen glich einem vorgreifenden Totenmahl. Es mundete allen Teilnehmern vorzüglich.

Der Reichskanzler Marx bestieg das Podium, zu meiner größten Enttäuschung ohne jene "rote Mappe", von der alle vorhergegangenen Zeitungsberichte so ausführlich erzählt hatten. Ich hätte gerne gewußt, ob sie aus Papier, Leinewand oder Saffian besteht.

Auf dem Platz des Reichskanzlers aber lag eine grüne Mappe, eine ausgesprochen grüne papierne Mappe. Er las die Auflösungsformel sachlich, nüchtern, von Herrn Ledebour unterbrochen. Dann dankte der Abgeordnete Fehrenbach dem Präsidenten des Hauses für die sorgfältige Geschäftsführung. Dieser aber wälzte den Dank auf die Schultern der Reichstagsbeamten ab und fuhr mit einer Grabrede fort. Er freute sich festzustellen, daß die Einigkeit des Hauses sich wenigstens in jenen Stunden während der ganzen vier Jahre gezeigt, in denen man Tote zu beklagen hatte (Welch ein furchtbarer Trost! Welch ein menschlichkeitsvernichtender Beruf, die Politik, deren Jünger erst im Angesicht des Todes voreinander Achtung bekommen!) Auch von kommenden Geschlechtern sprach der Reichstagspräsident. Auf ihr gerechtes, weil distanzierter abwägendes Urteil über den ersten Reichstag der Republik verließ er sich. Indessen weilte der Geist der Volksvertreter bereits bei der Agitation. Ich sah ihre Gesichter. Viele verrieten Ehrgeiz, wenige Geist. Einige wirkten schon wie Wahlplakate. Gebärdenspäher und Geschichtenträger tuschelten, Stimmungsbildermaler schrieben Phrasen, für den Wahlkampf engagierte Karikaturisten aller Parteien umschlichen, nach Sünden im Antlitz des Gegners suchend, die neuen Kandidaten, die alten Kandidaten. Eine große Wehmut überfiel mich Nachschrift: Die im Vorstehenden geäußerte Melancholie erhält ihre Bestätigung durch die nachträglich bekanntgewordene Verhaftung zweier Abgeordneter: des Kommunisten Frölich und des Völkischen Henning. Es ist aus Gründen der Parität geschehen. Die ausgleichende Gerechtigkeit wartete auf die Stunde, in der die Immunität erlosch.

Frankfurter Zeitung, 15. März 1924