Von Dieter E. Zimmer

Nun darf Ostdeutschland auch all die Schattenpflanzen der Westkultur entdecken, New Age, die Dianetik – oder Syberberg. Das Land der vielen Irrationalitäten, deren größte darin bestand, sich selber für eine Ausgeburt der Rationalität zu halten, entdeckt den Advokaten des deutschen Irrationalismus, der ihn in seiner abschreckendsten Spielart gleich selber verkörpert: als Obskurantismus.

Keine Handelskette des Kulturkommerzes zwingt Syberberg den Ostdeutschen auf. Sie holen ihn selber. In einem Vier-Tage-Marathon zeigte die Ost-Berliner Akademie der Künste Hans Jürgen Syberbergs schier endlosen „Hitler“-Film von 1977, rezitierte im Deutschen Theater Edith Clever Kleists von Syberberg für die Bühne eingerichtete „Marquise von O.“, diskutierte schließlich eine erlauchte internationale Runde vorgeblich „Glanz und Elend des Irrationalismus“, in Wahrheit aber den „Hitler“-Film und das, was offenbar die wenigsten aus eigener Lektüre kannten, Syberbergs Pamphlet „Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege“, das im deutschen Feuilleton in den letzten Wochen für einigen Aufruhr gesorgt hat. Auch so schon brodelte es im Publikum; hätte es aber gekannt, was da verhandelt wurde, so wäre vermutlich jeder jedem an die Gurgel gefahren – wie vorne auf dem Podium Klaus Theweleit seinem Nachbarn Syberberg. Denn soviel muß man diesem lassen: Er trifft hochneuralgische Punkte.

Dieses Buch: „Essay“ wäre zu hoch gegriffen. Es ist eins jener Traktate, in denen jemand der Epoche im allgemeinen und ihrer Kunst im besonderen in der Pose des Predigers und Propheten die Leviten liest: „Wehe dem Volk aber, das ohnmächtig verkommt in der Unfähigkeit musealer Erinnerungspflege und aufklärerischer Institute ...“ Mit dem Fluch belegt werden die „neurotischen Attitüden des inszestiösen Betriebs hier“, die Demokratie, die Kommerzkunst, die „Schwulenszene des internationalen Kunstbetriebes“, Hollywood, das Regietheater, die „Pest des Materialismus“, die „hartkantigen Häuser mit Marmorbädern“, die die „Kleiderordnung“ mißachtenden „Bikini-Touristen“, die seelenlosen „Maschinenmenschen“ (alle also, die nicht denken wie der Prophet), die „rachitisch oder schizophren neurotisierten Frauen, gefärbt und getrimmt“, Plastik, Asphalt, Computer und wiederholt die „Panoramascheiben“.

Der Orthographie und Grammatik und Logik spottend, wie die reichlichen Trockeneisschwaden im „Hitler“-Film, wabern und wallen seine Gedankennebel wirr und formlos vom Hundertsten ins Tausendste; nur das Sentiment bleibt immer das gleiche. Es ist ein Defilee mühsam reanimierter greiser Begriffe: „Götter“, „Mythos“, „Tragik“, „Hölle“, „Untergang“, „Fluch“, „Rettung“, „Heil“, „Erlösung“, „Fackel“, mit deren Schubkraft er in eine Stratosphäre dünnster Allgemeinheit hinaufdüst, hoch erhaben über alle konkreten irdischen Verhältnisse und Probleme – und das, um von dort oben endlich eine neue, von den karrieregeilen Insassen des deutschen Medienbordells bislang schändlicherweise verhinderte Kunst auf die arme betrogene deutsche Nation hinabregnen zu lassen, „die Gerechtigeit verspräche in einem Sieg an den Giebeln der Kämpfe, wo das Schöne noch siegt über das Barbarische im Leiden der Tragik“ – was auch immer damit gemeint sein sollte, vermutlich nichts Bestimmtes.

Ginge es bei dem allen nur um Kulturkritik, so hätte es damit das Bewenden haben können, das es mit den Philippiken rasender Seher gegen den Ungeist der Zeit, gegen alles und damit gegen nichts gemeinhin hat: Es hätte den einen oder anderen irgendwie „betroffen“ gemacht und wäre vergessen worden. Syberberg aber macht sich mit Vorliebe auch an die Politik, und zwar gerade an ihre empfindlichsten moralischen Bereiche; jene, in denen auch nur Zweideutigkeiten nicht zugelassen sind.

Zugute kam ihm dabei die Dunkelheit seiner Worte. Man liest einen Satz und weiß nicht recht, was er damit sagen will, liest den nächsten, der aufs Gegenteil hinauszulaufen scheint, aber auch nicht deutlicher, und man traut auch einfach seinen Augen nicht, denkt, das könne er doch unmöglich gemeint haben, und erst, wenn man viel davon gelesen hat und imprägniert ist mit der Suggestion des Ganzen, merkt man: Doch, genau das hat er gemeint.