Von Hans Joachim Müller

Hand drauf. Im Sommer nächsten Jahres, versprach der Oberbürgermeister im Sommer letzten Jahres, dann wird endlich eröffnet. Die zuversichtliche Magistratsdepesche ging an „alle Kunstinteressierten, die aus der ganzen Welt nach Frankfurt kommen“. Das neue Museum für Moderne Kunst stünde unmittelbar vor seiner Vollendung. Ein Ereignis, ein Meilenstein, jawohl, die Amtspost bekam geradezu Bremsschwierigkeiten, wenn sie an „die geistige Durchdringung des Lebens mit schöpferischem Denken“ dachte.

Der Sommer ist ins Land gegangen, und Jean-Christophe Ammann, seit Ende 1987 obdachlos amtierender Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, muß vor verschlossenen Bauzäunen noch immer um etwas Geduld bitten. Das keilförmige Gebäude auf dem komplizierten Dreiecksgrundstück verlange eben viel Handarbeit. Und sein Architekt, der Wiener Hans Hollein, lasse in unbeirrbar architekturkünstlerischem Selbstbewußtsein um jeden’ Zentimeter zusatzliche Ausstellungsfläche mit sich ringen und verspüre partout keine Lust, seinen exzentrischen Bau speziellen Museumsbedürfnissen anzupassen. Miteinander verkehren Museumsdirektor und Baumeister nur noch über die Stadtverwaltung. Und das dauert halt.

Inzwischen ist aber ein anderes Frankfurter Museum zu besichtigen, das eigentlich erst in neun Monaten hätte fertig werden sollen. Hochzufrieden mit dem Gang der Ereignisse führt der Hausherr des Städelschen Kunstinstituts Klaus Gallwitz durch seine Sammlung moderner Kunst, für die im eben eröffneten Anbau großzügig Platz geschaffen worden ist. Und voller Lob ist er für seinen Architekten Gustav Peichl, der so überaus kooperativ gewesen sei. Und der, nicht weniger Star und nicht weniger Wiener, steht dabei und bekennt sich in unbeirrbar architekturkünstlerischem Selbstbewußtsein zur Bescheidenheit. Ein Museumsbau, in dem sich die Kunst unterordnen müsse, sei ein schlechter Museumsbau.

Die Kunst hat sich in Frankfurt lange unterordnen müssen. Vom Kahlschlag der Nazis hat sich die Stadt der vor allem jüdischen Sammler und Galeristen nie mehr erholt. Und die kulturpolitischen Anstrengungen der Nachkriegsjahrzehnte erschöpften sich in hilflosen Detailreparaturen, zeigten sich unfähig, den zerstörten Strukturen neue Visionen folgen zu lassen. Die triumphale Gründerlaune der siebziger und achtziger Jahre hat Frankfurt zwar ein Museum nach dem anderen beschert, aber damit zunächst nur bewiesen, was sich eine kapitalstarke Kommune alles leisten kann. Als unlängst Münchner Galeristen Frankfurter Kunstvertreter einluden, um ihnen ihr junges Erfolgsgeheimnis zu entwinden, gab es doch auch manch skeptisch selbstkritische Stimme, die davor warnte, das Frankfurter Institutionenwunder schon mit einem verläßlichen Renommee als Kunststadt verwechseln zu wollen. Aber immerhin hat der Kunstgehäuseeifer am Main nun möglich gemacht, was es nirgendwo sonst in der groß gewordenen Republik gibt – gleich zwei Museen für Moderne Kunst. Und weil es das eine neue Museum nur gibt, weil es das andere neue Museum, das es noch nicht gibt, unbedingt geben soll, und weil die Kunstinteressierten, die aus der ganzen Welt gefälligst nach Frankfurt zu kommen haben, die Museumskonkurrenz nie ganz verstehen werden, sei ihre Geschichte noch einmal kurz erinnert.

Seit 1978 wird in Frankfurt für ein zu gründendes Museum für Moderne Kunst gesammelt. Und nicht etwa, weil eine solche Einrichtung bis dahin noch nicht bestanden hätte, sondern gerade weil sie schon bestanden hat. Die Städtische Galerie nämlich, seit 1907 integriert in den Komplex der Stiftung Städelsches Kunstinstitut. Dort freilich hat sich die Gegenwartsneugier allemal in züchtigen Grenzen gehalten. Die großen Stichworte der sechziger und siebziger Jahre – Pop, Fluxus, Minimal, Konzeptkunst – hatten die Städel-Sammler ziemlich unberührt gelassen. Entsprechend erklärte sich der Neuaufbau einer zeitgenössischen Sammlung, den schließlich eine wirkungsvolle Allianz aus Politik und kritischer Öffentlichkeit betrieb, als Widerstandstat, war unübersehbare Opposition gegen Städel-Direktor Klaus Gallwitz. Und als es Anfang der Achtziger zum spektakulären Ankauf von 67 Bildern und Plastiken – überwiegend amerikanischer Kunst der sechziger Jahre – aus der Darmstädter Sammlung Ströher kam, wurden die nicht der mißliebigen Städtischen Galerie zugeschlagen, sondern bildeten den Grundstock einer alternativen Kollektion, die der Frankfurter Kritiker Peter Iden mit dem Segen des damaligen Oberbürgermeisters Walter Wallmann und seines Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann bis zur Ausstellungsreife führen durfte. Die Städel-Administration war unterdessen nicht untätig geblieben, hatte ihre Lobby in der Stadt formiert und einen Annex für ihr eng gewordenes Haus durchsetzen können. Seither eifern in Frankfurt um die Gunst der neueren Kunst zwei Baustellen, zwei Sammlungen und zwei Ankaufsetats.

Mittlerweile grüßen sich die Parteien wieder, versichern sich artig gegenseitiger Wertschätzung. „Wir wollen keine Strohhalme flechten, sondern einen Blumenstrauß“, hat Jean-Christophe Ammann seinen ganzen Schweizer Charme bemüht. Und Klaus Gallwitz hält es für einen glückliche Fügung, daß er mit seinem Kollegen an einem Strang ziehen könne – „auch in der Definition, was jeder macht“. Nicht Abgrenzung, mehr Zusammenarbeit heiße die Losung. Die Abgrenzung der beiden Häuser voneinander ist gleichwohl unübersehbar.