Von Rolf Schneider

Der Sündenfall des deutschen Katholizismus im „Dritten Reich“ war das billigende Schweigen des Pacelli-Papstes zur Judenfrage. Man weiß das spätestens, seit Rolf Hochhuth, der Dramatiker, das Problem spektakulär auf die Ebene der Zeitgeschichtsschreibung hob. Seither existieren zahlreiche Untersuchungen zum Thema, in denen die Ausnahmehandlungen ebenso festgeschrieben werden wie die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen. Letztere haben nun Katholiken und Protestanten gemeinsam, woraus auch folgt, daß dem Problem freilich eine evangelische Variante eignet, die allerdings, bisher, neben der dominanten Figur des zwölften Pius gerne vergessen wurde.

Vielleicht war man einfach geschickter. Gleich nach dem Kriege formulierten Deutschlands Protestanten ein berühmtes Schuldbekenntnis, das den Eindruck erwecken mußte, sie hätten sich ihrer unguten Geschichte gestellt. Wer den Hintergründen jener damaligen Veranstaltung nachgeht, erfährt staunend, daß dieses Schuldbekenntnis lediglich eine Art internes Arbeitspapier war, das per Zufall an die Öffentlichkeit geriet. Selbst die andere große Rechtfertigung des deutschen Protestantismus aus jener Zeit, die Bekennende Kirche, war zwar zweifelsfrei gegen den deutsch-christlichen Anbiederungskurs des Reichsbischofs Müller gewandt, aber judenfeindlich war sie auch.

„Ich habe mich trotz des bösen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewußt. Man kann nicht verkennen, daß bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt.“ Solche Sätze stehen in einem österlichen Sendschreiben, das der damalige kurmärkische Superintendent Otto Dibelius in Umlauf brachte, bald nach Hitlers Machtantritt. Dibelius war nächst Martin Niemöller wichtigster Vertreter der Bekennenden Kirche. Dessen ungeachtet geschieht, daß der deutsche Protestantismus sich hinter der imposanten Figur des auch in diesen Dingen tadelsfreien Dietrich Bonhoeffer verstecken möchte, wie die Katholiken vergleichbar mit dem Prälaten Lichtenberg und dem Pater Kolbe verfuhren.

Die längst überfällige Selbstbefragung nehmen jetzt zwei protestantische Theologen vor. Beide sind ausgewiesen durch einschlägige Arbeiten über die Kirche unterm Hakenkreuz. Der erste Band ihrer Publikation, behandelnd die vergleichsweise moderaten Jahre 1933/35, ist bereits voll der deprimierenden Details.

Die Judenfeindlichkeit der evangelischen Kirchen geht auf den Gründervater Martin Luther zurück. Dessen letzte Schrift, „Von den Juden und ihren Lügen“, ist ein schlimmes, antisemitisches Pamphlet. Lange Zeit war es wenig bekannt, erst das auslaufende 19. Jahrhundert und, mehr noch, die Hitlerei gruben es wieder aus und setzten es zum Zweck ideologischer Selbstrechtfertigung in Umlauf.

Eigentlich brauchte es solch dezidierter Begründungen aber nicht, da judenfeindliche Tendenzen die gesamte Geschichte des Christentums durchziehen. Röhm/Thierfelder drucken eine antisemitische Synopse aus kanonischem Recht und entsprechenden Nazi-Maßnahmen. Sie füllt drei niederschmetternde Druckseiten. Was die Nazis „Rassenschande“ nannten und im September 1935 mit einem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ indizierten, findet seinen gleichgestimmten Vorläufer in einem Verbot, das die Synode von Elvira im Jahre 306 erließ.