Etwas geahnt hatte man schon vorher. Gerüchten zufolge sollte es von September an keinerlei Benzin für Privatfahrzeuge mehr geben. So kam die offizielle Ankündigung, in einigen Tagen erfolge eine wichtige Regierungsmitteilung „in Zusammenhang mit den Schlangen an den Tankstellen“, nicht überraschend.

Schlange stehen ist für die Kubaner immer mehr zum Alltag geworden. Seitdem die Wirtschaftsbeziehungen zu den osteuropäischen Ländern langsam zusammenbrechen, fehlt es an allen Ecken und Enden. Üppig war die Versorgung ja nie, doch seit etwa einem Jahr ist sie ausgesprochen spärlich geworden. Nahrungsmittel gibt es nur noch über die libreta, das Markensystem; wie früher werden die Waren wieder streng per Bezugsschein verteilt. Doch das Angebot ist so knapp, daß selbst die Marken nicht viel nutzen. An Fleisch gibt es nur noch Hähnchen, wenn überhaupt. Zwei Rasierklingen müssen reichen für den Monat. Eine Karikatur in einer humoristischen Zeitschrift drückte die Situation so aus: „Sie sehen mich jetzt zwar hier“, sagt der Arzt zur Patientin, „aber eigentlich bin ich der dritte in der Brotschlange.“

Am dramatischsten ist die Situation bei der Treibstoffversorgung. Wem es, wie dem jungen Schiffselektronik-Ingenieur aus Havanna, gelungen war, eine Ferienunterkunft an der Karibikküste zu buchen, der konnte große Augen machen, als er in der letzten Augustwoche zur Rückfahrt aufbrach. Lange Schlangen von Oldtimern vor den Zapfsäulen und nicht selten ein Schild „kein Benzin“. Als kürzlich in Havanna dann das Stadtgas für anderthalb Tage ausblieb, glaubte man, nun sei das Ende der Versorgung auch hier gekommen. Die Parteizeitung Granma korrigierte mit zwei Tagen Verzögerung, es habe sich um einen Rohrbruch gehandelt – und feierte den Montagetrupp für seine Leistung, den Schaden so schnell wieder behoben zu haben.

Wer erwartet hatte, das Rednertalent Fidel Castro müsse ran, um die schlechte Botschaft noch einigermaßen gut zu verkaufen, der sah sich getäuscht. Die am 29. August von den Medien verbreitete „Information an die Bevölkerung“ mit einem massiven Sparplan blieb ohne jede Erläuterung oder Kommentar eines Politikers. „Wie bekannt, befindet sich die UdSSR in Schwierigkeiten, uns verschiedene Basisprodukte zu liefern“, beginnt das Kommunique. Fast zwei Millionen Tonnen Öl, ein Fünftel dessen, was „man zu bekommen hat“, fehlten – ein Ausmaß, das „nicht ohne ernste Konsequenzen für das Funktionieren der Wirtschaft und des Lebens des Landes bleiben“ könne. Da das Land über keine Finanzmittel in frei konvertierbarer Währung verfüge, um das Öl anderswo zu kaufen, werden von sofort an eine Reihe von Sondermaßnahmen wirksam: Diesel- und Benzinkürzungen für Staat und Betriebe, Halbierung der privaten Benzinkupons, Stromsparen, wo immer möglich, ohne daß die Produktion größeren Schaden nimmt.

Den Landwirten zum Beispiel wird empfohlen, „tierische Zugmittel“ zu benutzen. Die Samstagsarbeit, bisher an jedem zweiten Wochenende üblich, wird in allen nicht lebenswichtigen Bereichen eingestellt. Der Sparplan bedeutet auch das Aus für den Bau der Nickelfabrik Ernesto Che Guevara in Moa, und die Ölraffinerie in Cienfuegos wird auch nicht in Betrieb gehen – beide sind zu energieaufwendig. Jeder private Haushalt muß seinen Stromverbrauch um zehn Prozent drosseln. Notfalls wird mit sanftem Druck nachgeholfen: Wer sich nicht daran hält, dem kann bis zu dreißig Tage der Strom abgestellt werden.

„Absolut notwendig“; „es gibt keinen anderen Weg“; „wir sind vorbereitet“ – äußern Straßenpassanten, die das Fernsehen interviewt. „Man kann sparen. Wie oft spielt das Radio oder brennt das Licht, auch wenn gar niemand im Zimmer ist! Und der Ventilator muß auch nicht immer laufen“, meint eine junge Frau. Ob alle Kubaner so dächten, wisse man nicht, aber das sei die Haltung von Revolutionären, kommentiert die Nachrichtensendung.

Werden Appelle an den revolutionären Kampfgeist weiterhin ausreichen, damit sich die Wirtschaftskrise nicht zur politischen Krise wandelt? Für den „König auf seinem Thron“ sei er nicht bereit zu sterben, sagt Juan und spielt auf die kriegerische Durchhalteparole „Sozialismus oder Tod“ an, zu der sich Fidel, dessen Photoportrait Juans Wohnzimmertisch schmückt, verstiegen hat. Juan hat ein privates Mittel: Er dreht eine Schraube in seinen Zähler und stoppt ihn so an den Wochenenden. Werktags fährt er mit dem Motorrad zur Arbeitsstelle außerhalb Havannas. Dafür erhält er zukünftig noch 35 Liter Benzin – alle drei Monate. Nicht auszudenken, was passiert, wenn auch noch der ohnehin unzureichende Busverkehr eingeschränkt wird.