War Mozart am Ende seines Lebens ein „unabhängiger und hochgeachteter Künstler“, oder war sein Ruf „bescheiden“? Hat Karl Böhm „schlamperte Mozart-Einspielungen“ hinterlassen, oder ist er ein „Mozart-Spezialist“? Warum war Beethoven „Musiker und Komponist“, Robert Schumann aber nur „Komponist“, Muzio Clementi dagegen „Komponist und Pianovirtuose“? Vita die neue Zeitschrift von Merian, stellt diese Fragen. Aber nicht etwa kontrovers, sondern unabsichtlich.

Fest steht zumindest folgendes: Goethe ist der „Dichterfürst“, eine Mozartkugel wiegt 21 Gramm, und der „Götterliebling“ Wolfgang Amadeus war zehn Jahre, zwei Monate und acht Tage seines Lebens unterwegs. Ansonsten streiten die Gelehrten: Menschen bewegen die Welt, und Mozart bewegt uns alle.

Aber nicht nur er. Auch Wissenschaftler und Entdecker, Philosophen und Religionsstifter, Schriftsteller und Maler. Deshalb hat jetzt der Hoffmann und Campe Verlag ein ehrgeiziges Projekt gestartet: Die Weltbeweger werden in einer Zeitschrift vorgestellt, die von der Merian-Redaktion herausgegeben wird. Die Vitae der Berühmtesten der Berühmten werden „aufgeblättert“, und die Artikel kommen von den „besten und informiertesten Autoren“, wie es im Vorwort des ersten Heftes heißt. Ein gewaltiger, fast unbescheidener Anspruch.

Eröffnet wird die Monographien-Reihe jetzt mit Mozart. Da es im Jubel-Todesjahr 1991 schwer sein dürfte, Aufmerksamkeit zu erregen, ist diese Entscheidung naheliegend. Und das Konzept des Heftes ist schlüssig: Da wird Hintergründiges mit Amüsantem kombiniert, Historisches mit Kuriosem; ein bißchen Musikwissenschaft hier und ein bißchen Spekulation dort; viele Bilder und Jahreszahlen fast nur am Schluß in einer Übersicht; kurz: keine Belehrung, sondern anspruchsvolle Unterhaltung.

Zum Beispiel: Wie füllte sich Mozart, als er mit der Kutsche unterwegs war: „Der Wagen stößt einen doch die Seele heraus! Zwey ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt, und den Hintern in Lüften haltend.“ Interessante Details über Rückenschmerz und Achsenbruch im 18. Jahrhundert, über die „Last und Lust der Kutschenära“: Der dreizehnjährige Wolfgang ist entzückt, „weil unser gutscher ein galanter kerl ist, welcher, wen es der weg ein bischen zuläst so geschwind fahrt“. Vater Leopold aber wird bei einem Verkehrsunfall „das halbe schinbein des rechten fusses fingerbreit“ aufgerissen.

Oder auch ein wenig Rezeptionsgeschichte: Wie wurde die „Zauberflöte“ aufgeführt? 1990 von Peter Sellars als „postmoderne Hitparade“, von Achim Frey er 1982 als „Aufstand gegen die festgefügte Welt der Konvertionen“, von David Hockney 1978 als „romantische Vision einer neuen Ordnung“.

Den Anfang aber machen „Meldungen und Meinungen zu Mozart“: ironische Bemerkungen etwa von Eckhard Henscheid über das „mozartgroßfeuilletonistische Schwärmen und Phantasieren“, blumige Sätze von Justus Frantz („Mozart ist für mich die Sonne meines Lebens“), pointierte Erkenntnisse von Juerg Laederach: „Angreifbar ist er nur über eine Rückkoppelung, die zugleich ganz leer ist: Man darf ihm übelnehmen, daß er so rein nichts schuf oder hinterließ, das man ihm übelnehmen könnte.“