Der Kommunikationswissenschaftler Ivan Bystřina plädiert für eine Kultursemiotik

Von Harry Pross

Wer die aktuelle Dalli-Dalli-National-Show, die in den letzten Monaten über die Bühne gezogen wird, distanziert beobachtet, kommt nicht umhin, den großen Anteil politischer Symbolik zu vermerken. Das begann bei Kerzenschein in abgedunkelten Kirchenräumen, präsentierte sich auf den Straßen in Demonstrationen. Den psychologischen Stau an gesperrten Grenzen ermutigten Bundespolitiker mit Verheißungen der Geborgenheit. Dann gab Moskau seinen Satelliten grünes Licht, den „Eisernen Vorhang“, den Goebbels 1945 beschworen hatte, hochzuziehen. „Die Trabis kommen“, eröffnete eine neue symbolische Dimension, und die 40-Jahr-Feiern der DDR in ihrer Hauptstadt Berlin konzentrierte das Spektakel. Gorbatschow selber warnte seinen Staathalter, „das Leben“ nicht zu verkennen; aber der hörte nicht. Um so deutlicher verstand das Volk die Botschaft, nur wenige Wochen später boten fliegende Händler T-Shirts „Danke Gorbi“ an geöffneten Mauerübergängen an, auf denen der runde Kopf des sowjetischen Präsidenten wie eine Sonne über dem Brandenburger Tor aufging, vor dem die Mauer zerbarst. Zuerst 17,70, kosteten sie bald 19,50 und mehr.

Auf schwarzrotgoldenen Fahnen erschien der Bundesadler, nicht mehr länger der „Pleitegeier“ von 1945. Der feste Handgriff der SED wandelte sich zum „deutschen Gruß“, wo immer sich Politiker beider Seiten trafen. Immobilienmakler begannen, ihn als Werbesignum zu verwenden. Symbol der Verträglichkeit, Bewahrung, Bündnis wie seit dem Alten Testament. Da nannte der Bundeswirtschaftsminister die D-Mark „ein großes Geschenk“, und man wußte, daß Bonn „die Hand der Barmherzigkeit“ ausstreckte, für die linke „Hand der Gerechtigkeit“ war fortan zu fürchten. Dann hatte die DDR die D-Mark; aber die D-Mark hatte auch sie, wie sie uns hat, weit über Bundesgrenzen hinaus, eine der „härtesten“ Währungen, wie man stolz sagt. Noch härter als Krupp-Stahl.

Neue symbolische Dimensionen eröffnen sich den im Stechschritt-Sozialismus zu kurz gekommenen Konsumenten. Die Welt des Marketing tut sich auf und des Plankapitalismus: Bauern verschütten unverkäufliche Milch auf Leipzigs Straßen, was in der EG schon lange niemanden mehr beeindruckt, vernichten Obst und Gemüse, treiben ihr Vieh vors Parlament. Rasche Auffassungsgabe.

Inzwischen streiten sich die Parteien um das Wahlritual, um die Hauptstadt, um den Nationalfeiertag, wenns denn sein muß, und je deutlicher der Pluralismus unvereinbarer Interessen hervortritt, desto dicker wird der harmonisierende Einheitsbrei in den Wortblasen der Politiker. Der Wahlritus, das symbolische Fundament aller Demokratie, drängt. Stimmen muß man aus der Mitte holen, aus dem Bauch der Bürger, die sich da einmal als Souverän beweisen dürfen, indem sie ein Kreuzchen auf eine der vorgesetzten Listen machen und so fort. Sind das Zeichen oder Anzeichen, beabsichtigte oder nichtbeabsichtigte, und woher kommen sie?

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