Von Dieter E. Zimmer

Da niemand sonst seiner gedenkt, höflicher- oder ignoranterweise oder weil er sich jeder Beschreibung entzieht, will ich es hier tun, und zwar expreß. Bald wäre es ein für allemal zu spät. Sein Charakter ist nämlich ein höchst volatiler. Schon ist er am Verfliegen, und bald wird er ganz und gar verweht sein: der Geruch der DDR.

Den Wessi empfing er all die Jahre hindurch schon beim ersten Schritt in das fremde Land, dessen Fremdheit betonend, der Einstimmung dienend. Er hing in jedem der „Objekte“, die der Einreisende als erstes zu passieren hatte. (Eigentlich verdienten auch sie einen Nachruf. Was zum Beispiel wird jetzt aus den sinnigen Förderbändern für Reisepässe? Was aus jenem Spezialblick der Grenzsoldaten durchs Gesicht hindurch direkt zu seinen kriminellen Merkmalen?)

Was riecht hier bloß so? dachte ich dann immer, und: Irgendwann kriege ich es heraus. Aber da Spionage ja verboten war und sich unfehlbar alsbald weit größere Alltagsrätsel auftaten, nahm ich die Fährte niemals auf. Gerade noch könnte man es nun nachholen und ihn dingfest machen.

Also was roch da eigentlich so? Welches Molekül war verantwortlich für jenen Eigengeruch?

Das Leben ist leider komplex, auch in seinen trivialen Phänomenen, gerade in denen. Schon das erste Nachdenken sagt einem, daß es den Geruch der DDR gar nicht gegeben haben kann. Es gab ihrer mehrere. Und jeder kleine Chemiker weiß, daß Chemie Aktion ist, Reaktion, ein dauerndes Werden und Vergehen, so daß man nach dem einen verantwortlichen Molekül sicher vergeblich fahndete.

Es gab da einmal den Außengeruch, und der ist leicht: Braunkohlenrauch gemischt mit dem verbrannten Öl aus den Auspuffen der Zweitaktmotoren. Obwohl, manchmal weht einen aus einem Hof noch etwas anderes an, undefinierbar und scheinbar ohne Quelle. Was ist das?