Von Wilfried Kratz

Der Mann aus Zypern brachte die erfolgreichste Aktie der achtziger Jahre an die Londoner Börse und wurde in seiner Heimat zum Helden. Noch in diesem Jahr taxierte die Sunday Times das persönliche Vermögen des Asil Nadir auf 213 Millionen Pfund und setzte ihn bei der Bewertung der 200 Reichsten Großbritanniens auf Rang 36. Doch nach einem atemberaubenden Aufstieg aus dem Nichts stürzt der 48jährige nun ebenso spektakulär wieder ab. Die Börsianer befürchten, daß die Aktien des von Nadir gemanagten Unternehmens Polly Peck International (PPI) wertlos sind. Ihr Handel ist ausgesetzt. Der Obst- und Elektronikkonzern kommt seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nach. Nun muß der Retter aus dem türkischen Teil Zyperns Hilfe in Ankara suchen.

Nadir, der 1980 die damals winzige Textilfirma Polly Peck im Londoner Eastend zu einem Kurs von einem Penny an die Börse gebracht hatte, erlebte den Höhepunkt seiner Fortune im August dieses Jahres. Der Aktienkurs von Polly Peck stieg über 450 Pence, als Großaktionär Asil Nadir ankündigte, er wolle die Gesellschaft von der Börse nehmen und den 20 000 Anteilseignern, die rund siebzig Prozent der Polly-Peck-Aktien hielten, ein Angebot machen. Rund 1,8 Milliarden Pfund, so meinte jedenfalls die Börse, war das merkwürdige Konglomerat damals insgesamt wert, das mit Bananen handelt, Fernsehgeräte herstellt und Hotels betreibt.

Aber die Mitteilung löste kurz danach Zweifel an Nadirs Motiven aus und rührte altes Mißtrauen auf gegenüber einer Gesellschaft und ihrem ebenso rätselhaften Gründer, der es gleichwohl verstanden hatte, eine Gefolgschaft in der Londoner City zu finden und Banken zur Hergabe von Krediten von über einer Milliarde Pfund zu bringen. Die dunkle Wolke über Polly Peck und ihrem Vorsitzenden verdüsterte sich, als Nadir nur vier Tage später seine Ankündigung mit der Begründung zurückzog, einige große Aktionäre hätten ihm von diesem Plan entschieden abgeraten. Kaum jemanden überzeugte diese Erklärung. Der Kurs stürzte. Gerüchte über Liquiditätsprobleme und illegale Aktientransaktionen verdichteten sich.

Hilfe aus der Türkei

Am 19. September durchsuchten Beamte des Dezernats für schwere Betrugsfälle die Räume von Nadirs privater Gesellschaft South Audley Management am Londoner Berkeley Square gegenüber der Zentrale von Polly Peck. Am Tag danach brach Panik aus. Banken in der Schweiz, welche Polly-Peck-Aktien als Sicherheit für an Nadir gewährte Kredite akzeptiert hatten, luden die Papiere an der Börse ab. Nach einem Kollaps des Kurses von 243 auf 108 Pence setzte der Börsenvorstand den Handel aus. Polly Peck war plötzlich nur noch 468 Millionen Pfund wert. Nadir selbst wurde von den Ermittlern zu dem Verdacht vernommen, über South Audley Management sei mit Hilfe von Zwischenhändlern in der Schweiz der Aktienkurs von Polly Peck illegal manipuliert und die Börse somit über die wahre Marktlage getäuscht worden. Nadir bestreitet, in solche verbotene Transaktionen verwickelt zu sein.

Der Mann, der einmal Polly Peck ganz unter seine Kontrolle bringen wollte, kämpft nun ums Überleben. Begleitet von seinen drei stämmigen Leibwächtern, eilt er zu immer neuen Treffen mit seinen Gläubigern, die einstweilen noch stillhalten. Die zweite Gnadenfrist läuft am 11. November ab. Bis dahin wollen Sonderprüfer ihren Bericht über Polly Peck vorlegen. Bis dahin will Nadir auch Geld auftreiben und einen Sanierungsplan präsentieren, um die Liquidation zu vermeiden.