Michail Gorbatschow – im Ausland gepriesen, daheim gescheitert?

Von Theo Sommer

Rückblende: Wien, Juni 1961. In der amerikanischen Botschaft saßen sich John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow am Mittagstisch gegenüber. Es war auf dem Höhepunkt der Berlin-Krise, acht Wochen vor dem Bau der Mauer, fünfzehn Monate vor der Raketen-Konfrontation der Supermächte wegen Kuba. Der amerikanische Präsident deutete auf zwei Medaillen an Chruschtschows Revers und erkundigte sich nach deren Bedeutung. „Lenin-Friedensorden“, erklärte der Kremlherr. Grimmig sagte Kennedy: „Ich hoffe, Sie behalten sie.“

Knapp dreißig Jahre nach dieser frostigen Begegnung ist Michail Gorbatschow mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Welt, die sich dank seines Wirkens binnen fünf Jahren von Grund auf verwandelt hat, klatscht Beifall. Niemand zweifelt daran, daß der sowjetische Präsident den Preis verdient hat, und niemand befürchtet, daß er ihn durch provozierendes Raketenrasseln oder außenpolitisches Zündeln à la Chruschtschow wieder aufs Spiel setzen könnte. Viele fragen sich allerdings nicht ohne Sorge, ob Gorbatschow die Preisurkunde noch lange in seinem Kremlbüro mag aufhängen können – oder ob sie bald schon die Wand einer Pensionärswohnung am Kutusowskij-Prospekt zieren wird.

Es ist paradox, beinahe tragisch. Der Mann, der außerhalb der Sowjetunion als eine Art Herkules gesehen wird, rastlos tätig, die Welt ins Lot zu bringen, gilt im eigenen Lande eher als Ikarus: ein Neuerer, der hoch hinauswollte und nun dem Absturz nahe ist. Er hat einer neuen Weltordnung Streben und Stützpfeiler gebaut, zu Hause jedoch ist es ihm nicht gelungen, seinem Reformvorhaben Kontur und Legitimation zu schaffen. Was Gorbatschow in der kurzen Spanne eines halben Jahrzehnts auf dem Felde des Auswärtigen bewirkt hat, rückt ihn in eine Reihe mit den großen Gestalten der europäischen Geschichte. Im Inneren freilich hat er nicht vermocht, die Brücke zwischen seiner eigenen Vision und der Erfahrung seiner Landsleute zu schlagen. Seine äußere Erscheinungsform reicht an Bismarck heran; die innere hingegen gemahnt an Oblomow, die traurige Romangestalt Gontscharows, die vor lauter emsigem Planen nie richtig zum Handeln kommt.

In der ganzen Nachkriegsepoche hat kein anderer Staatsmann eine solche Wirkung auf seine Zeit gehabt wie Michail Gorbatschow. Er machte Schluß mit dem Kalten Krieg. Er beendete jene Phase rüstungsbesessener Ost-West-Konfrontation, in der viele Menschen bis dahin bloß das düstere Zwischenspiel vor dem Dritten Weltkrieg erblicken mochten – einem atomaren Armageddon. Und Gorbatschow ist zu danken, daß auch das große europäische Schisma sein Ende fand: Die Osteuropäer durften heimkehren in die Freiheit, die Deutschen sich wieder vereinigen, die Völker der Sowjetunion das „Gemeinsame Europäische Haus“ als Zukunftsversprechen verstehen, nicht bloß als Propaganda-Trugbild.

Der Mann im Kreml mußte dabei über viele Schatten springen – nicht nur die seiner kommunistischen Vorgänger, sondern auch jene der Zaren. Was Kaiser um Kaiser dem Reich an fremden Ländereien einverleibt und Stalin den Russen als Beute des Zweiten Weltkrieges beschert hatte – er räumt es wieder. Der Absolutismus der Zaren und jener der Kommissare – er hat ihn aufgebrochen. Beides war schwierig, und beides wird ihm heute von seinen Gegnern auch vorgehalten.