Es sind gar keine richtigen Berge, sondern Hügel: bewaldet, geschoren, flach und leicht gewellt wie Kamelhöcker, ohne Kanten, ohne Ecken. Nichts für Steigeisenfans und Drahtseilartisten. Für das Zentralmassiv im Herzen Frankreichs muß man noch nicht einmal schwindelfrei sein. Man braucht weder Eispickel noch Sauerstoffmaske. Es reichen feste Wanderschuhe, Rucksack und eine Flasche Burgunder. So ausgerüstet bekommt man selbst auf dem 1754 Meter hohen Mont Mezenc einen Höhenrausch und das Gefühl, die Welt läge einem zu Füßen. Freilich dauert der Aufstieg nicht einmal vierzig Minuten – ein Kinderspiel selbst für ungeübte Wanderer.

Der Gipfelblick lohnt sich. Im Nordosten glitzern die schneebedeckten Berge des Montblanc-Massivs. Die bizarren Drei- und Viertausender der französischen Alpen bilden einen seltsamen Kontrast zu den sanft abgerundeten Vulkankegeln des Zentralmassivs. Vor Millionen von Jahren hatten die Vulkane aufgehört, Magma zu spucken. Aber noch heute sind die Folgen der Eruptionen und Plattenverschiebungen sichtbar: kreisrunde Krateröffnungen, die sich über Jahrtausende mit Regenwasser gefüllt haben, tief eingeschnittene Schluchten und zu Säulen erstarrte Basaltströme prägen unverwechselbar die Auvergne.

Christian Bertholet, Bergführer, Chansonnier und Schriftsteller, ein Lebenskünstler, trinkfest und trittsicher, liebt diese rauhe Landschaft. Vor 21 Jahren kam er aus Paris in die Haute-Loire, um etwas völlig Neues zu machen. „Ich wollte mein Leben dem Rhythmus der Natur anpassen. Von der Großstadt hatte ich genug.“ Seither marschiert er oft tagelang durch einsame Täler und karge Hochflächen, kartographiert das Gelände, studiert die Lebensgewohnheiten der Menschen und denkt sich – vornehmlich für Touristen wie uns – immer neue Wanderrouten aus.

Stolze 3400 Kilometer ausgeschilderte Wanderwege und 700 Kilometer Reitpfade gibt es im Departement Haute-Loire – genug, um stundenlang über baumlose Bergwiesen zu ziehen, ohne auch nur eine Menschenseele zu treffen.

Eine der bekanntesten Wanderrouten führt von Le Puy über Bains, St. Privat-d’Allier nach Saugues (42 Kilometer), von dort über St. Alban, Nasbinals, Aubrac nach Espalion (111 Kilometer) und anschließend nach Estaing und Conques (50,5 Kilometer). Sie gehört zu dem berühmten Jakobsweg, der die Pilger einst zum spanischen Wallfahrtsort Santiago de Compostella führte. Liebhaber romanischer Baukunst finden in La Chaise-Dieu, Brioude oder Lavaudieu Kirchen, Skulpturen und Fresken aus dem 11. und 12. Jahrhundert, deren ausgewogene Proportionen und bescheidene Ausmaße typisch für Landschaft und Lebensweise sind. Nichts preist sich an, nichts ist spektakulär. Im Gegenteil: Die Auvergne wirkt unaufdringlich, fast schon abweisend und selten heiter. Ein melancholischer Schleier bedeckt das Land, fremd und geheimnisvoll.

Wer Einsamkeit und schlichte Übernachtungsmöglichkeiten nicht scheut, wer gern zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Pferd oder im Kanu auf Entdeckungsreise geht, findet südöstlich von Clermont-Ferrand ein ideales Ferienrevier. Für den Wanderer stehen einige hundert gites d’etapes offen, Herbergen, in denen man günstig Logis, vom Einzelzimmer bis zum Massenlager, erhalt. Für die Kost sorgen die Gäste im Regelfall selber. Es gibt Kochgelegenheiten und Geschirr, vielleicht auch Salz, Pfeffer und Zucker.

Bei Jean-Paul und Anne-Marie in Allegre sind die Zimmer etwas komfortabler, die Betten etwas geräumiger und die Küche ist etwas rustikaler als in manch anderer Herberge. Stolz erzählt Jean-Paul von der dreihundertjährigen Geschichte des Hauses, das einst Nonnen, Kaufleute und Pensionäre beherbergte. Heute bietet es Platz für insgesamt sechzehn Touristen, die sich Küche und Eßzimmer teilen.