Die Bemühungen um einen Termin für ein ZEIT-Gespräch mit Hans-Dietrich Genscher begannen im Oktober vor einem Jahr. Jürgen Chrobog, persönlicher Referent des Ministers, stellte in Aussicht, Genscher werde sich zwischen dem 15. Dezember 1989 und dem 15. Januar 1990 für eine halbe bis dreiviertel Stunde freimachen können. Kurz vor Weihnachten kam die Einladung zu einem Frühstück in Bonn. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Deutschland strebte der Einheit zu. Das Frühstück fiel aus. Oder hat es doch stattgefunden?

Es ist der 10. Januar, Mittwoch. Der Außenminister betritt das Auswärtige Amt mit gerunzelter Stirn. Sein Oberkörper ist den Beinen ein Stück voraus. Das Frühstück mit dem Journalisten, zu dem er eilt, ist natürlich ein Arbeitsfrühstück. Das heißt, man kann es auch stehenlassen. Der Journalist, der mit dem Minister ein ZEIT- Gespräch führen will, tut so, als frühstücke er, während er in Wirklichkeit nachdenkt, was er als erstes fragen könnte. Noch steht die Mauer. Aber Ceauşescu ist vor zweieinhalb Wochen erschossen worden. Neben dem Arbeitsfrühstück kennt der Minister auch das Arbeitsbegräbnis. Voraussetzung ist ein toter Politiker, um den man offiziell trauern darf. Das heißt, man tut so, als trauere man, um nach dem Begräbnis mit den anderen Trauerdarstellern zum Beispiel über die Nahostkrise zu reden. Der tote Ceauşescu kommt dafür nicht in Frage. Der Journalist denkt, daß der Minister dem Diktator in Erfüllung seiner Pflicht die Mörderhand geschüttelt hat. Er überlegt, wie er diesen Gedanken in eine Frage verwandeln könnte, in der kein Vorwurf steckt. Denn natürlich liegt es ihm fern, dem dienstältesten Außenminister der Welt vorzuwerfen, daß er gelegentlich auch Menschen, die sich dann als Mörder entpuppen, die Hand schütteln muß.

„Ihr Kaffee wird kalt“, sagt der Minister.

Der Journalist erinnert sich an sein letztes ZEIT- Gespräch mit Ernst Jünger, in dem von Hitler als Werkzeug der Geschichte die Rede war. Er führt die Kaffeetasse zum Mund. Immer geschehe das Notwendige, hatte Jünger erklärt, worauf er, der Journalist, mit der Frage hatte auftrumpfen können, ob somit das Böse, da es geschehe, notwendig sei. Jünger, der Fünfundneunzigjährige, hatte geschwiegen. Nicht jeder Gedanke müsse auch ausgesprochen werden, hatte er später gesagt. Hitler notwendig, denkt jetzt der Journalist, wobei er, ohne getrunken zu haben, die Tasse absetzt und in seinen Notizen zu wühlen beginnt. Ein Satz von Nietzsche ist ihm eingefallen. Er will sich vor dem Minister hinter Nietzsche verstecken. Er findet den Satz: Alles Gute ist die Verwandlung eines Bösen, jeder Gott hat einen Teufel zum Vater. Er spricht es nicht aus. In seinem Kopf überstürzen sich die Gedanken: Freud und Leid, Krieg und Frieden, Auschwitz und Wirtschaftswunder. Er murmelt: „Wittgenstein“. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. Worüber, so fragt er sich, kann man mit einem Politiker sprechen, dem seine Popularität naturgemäß das Wichtigste ist?

Aus den Notizen des Journalisten ist ein Zeitungsphoto herausgefallen, das zeigt, wie der Minister sich eine Batman-Maske über die obere Gesichtshälfte stülpt. Nur noch Mund und Kinn sind zu sehen. Der Mund lacht. Der Minister ist für seinen Humor bekannt. Über seine großen Ohren darf man sich lustig machen, ohne daß er es übelnimmt.

„Nun fragen Sie mal!“ ruft er und beißt in eine mit Butter bestrichene Semmel.

Während sich der Journalist nach dem Photo bückt, fällt ihm der Lieblingswitz von Franz Kafka ein. Ein Armer beklagt sich bei einem Reichen, weil er seit Tagen nichts mehr gegessen hat. Darauf der Reiche: Man zwingt sich. Nichts ist komischer als das Unglück, so Beckett im „Endspiel“. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang. Es soll ja ein Gespräch für den Kulturteil werden. Der Minister kaut mit Genuß. Er hat nur eine halbe Stunde Zeit. Wenn der Journalist nicht zu schweigen aufhört, wird er der Redaktion einiges zu erklären haben. Warum bekommt er den Mund nicht auf? Warum denkt er an Rilke statt zum Beispiel an Helmut Kohl, mit dem der Minister seit über zwanzig Jahren befreundet ist? Seine Miene erhellt sich. Er blättert wieder in seinen Unterlagen. Kohl ist die Rettung. Er sucht einen bestimmten Satz. Da, endlich, rot angestrichen: Pessimismus trübt den Blick, lähmt Kräfte und raubt Lebensfreude. Trübt den Blick? Darüber ließe sich streiten. Raubt Lebensfreude? Der Journalist nickt. Der Minister unterbricht seine Kaubewegung.