Japans Töchter erheben sich" und: "Madame Butterfly wachsen Flügel", schrieben im Juli vorigen Jahres die Zeitungen, als die Sozialdemokratische Partei Japans unter Führung ihrer Vorsitzenden Takako Doi einen sensationellen Sieg bei den Oberhauswahlen errungen hatte. Unter den 36 erfolgreichen Kandidaten der SPJ waren 11 Frauen nicht nur in Japan eine Sensation. Ein halbes Jahr später, am 18. Februar dieses Jahres, sah alles ganz anders aus. Bei den politisch sehr viel wichtigeren Wahlen zum Unterhaus (dort wird der Ministerpräsident gewählt) gab es wieder eine absolute Mehrheit für die konservativen Liberaldemokraten - wie seit 35 Jahren. Unter den 512 Abgeordneten sind 12 Frauen - 2 4 Prozent. In der Fraktion der regierenden LDP sitzt keine einzige Frau, zwei Ministerinnen wurden entlassen. Mayumi Moriyama, im Wahlkampf als Gegenfigur zu Takako Doi aufgebaut, verlor ihren Job. Im Zentrum der Macht sind Japans Männer wieder unter sich. Was ist los mit Japans Fauen? Sie stellen ja auch hier die Mehrheit der Wahlberechtigten und votieren innerhalb eines halben Jahres einmal entschieden für die "Madonna Strategie" der Takako Doi, die sich mit Verve für eine konsequente Frauenpolitik einsetzt und ein halbes Jahr später ebenso entschieden dagegen.

Die Forderungen japanischer Frauen sind denen in Westeuropa zum Verwechseln ähnlich. Aufstiegschancen im Beruf, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Teilhabe an der politischen Macht, Empfängnisverhütung, Altersversorgung.

Frauenwelt und Männerwelt aber sind in Japan noch heute strikt getrennt "Die japanische Frau ist umgeben von drei Mauern", sagt Keiko Higushi, Professorin in Tokio: Heirat, Kinder, Alte. Von der jungen Japanerin wird erwartet, daß sie mit 25 Jahren verheiratet ist. Noch heute kommt etwa die Hälfte aller Ehen durch ein formelle Ehevermittlung (omiai) zustande. Man trifft sich zum ersten Mal beim Vermittler und entscheidet dann, ob man einander heiraten will. Die Frau kann nein sagen - einmal, zweimal, vielleicht auch ein drittes Mal. Dann aber gerät sie unter Druck es wird schließlich langsam Zeit, einen passenden Mann zu finden und nicht als altbackener "Weihnachtskuchen" sitzenzubleiben. Der Vermittler hat vorher geprüft, ob die Familien zueinander passen, ob das Milieu stimmt. Darauf kommt es an. Ehen, die ohne Vermittler geschlossen werden, gelten als Liebesheirat. Das heißt aber nicht viel. Liebe spielt in japanischen Ehen selten eine Rolle. Auch vor Liebesheiraten schalten Eltern häufig einen Detektiv ein - sie wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Für europäische Beobachter ist die trockene Emotionslosigkeit, mit der japanische Frauen von ihren Männern sprechen, verblüffend. Die Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach, die auf einer Veranstaltung des Goethe Instituts von den "drei Z" berichtete, die in deutschen Ehen wichtig seien Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit , erntete prompt den spontanen Zwischenruf: "Wie romantisch!" Japanische Frauen erwarten und erhalten von ihren Männern weder Zeit noch Zuwendung, Zärtlichkeit schon gar nicht. Wenn sie Glück haben, sind sie nach der Heirat finanziell versorgt, wenn nicht, müssen sie das Familieneinkommen aufbessern durch Teilzeitarbeit.

Achtzig Prozent der jungen Japanerinnen sind, dem sanften Druck der Familie folgend, mit 25 Jahren verheiratet. Danach wird von der Frau erwartet, daß sie ihren Beruf aufgibt und ein bis zwei Kinder bekommt. Ein Sohn sollte darunter sein. Geburtenkontrolle geschieht durch Kondom oder Abtreibung. Die Pille wird in Japan zwar produziert, aber nur für den Export. Frei verkäuflich ist sie nicht. Sobald die Frau Mutter wird, muß sie ihre ganze Kraft darauf verwenden, ihre Kinder in die Hierarchie des japanischen Bildungswesens einzufädeln. Der "richtige" Kindergarten, die "richtige" Schule, die "richtige" Universität entscheiden über die Zukunft des Kindes und damit auch über das Ansehen der Familie. Verantwortlich dafür ist die Mutter. Sie organisiert Schularbeiten, Nachhilfestunden, Zusatzkurse.

Außerdem hat sie für die Schwiegereltern zu sorgen, die meist im Haus des ältesten Sohnes leben. Eine Altersversorgung nach westlichem Muster gibt es in Japan nicht.

Bei einer Umfrage erklärten mehr als die Hälfte aller japanischen Ehefrauen, sie würden nicht oder jedenfalls nicht diesen Mann wieder heiraten. Dennoch ist die Scheidungsrate extrem niedrig. Lebensformen für Aüeinstehende gibt es nicht, schon gar nicht vor der Ehe. Allenfalls im Alter finden sich Witwen zur Lebensgemeinschaft des "Gemeinsamen Grabmals" zusammen, ziehen die "Gesinnungsverwandtschaft" der Blutsverwandtschaft vor.