Vor mehr als zehn Wochen hat sich Saddam Hussein Kuwait einverleibt. Seit Funk und Fernsehen nur noch irakische Sendungen ausstrahlen, bekommen die verbliebenen Bürger des Golfstaates dauernd zu hören, daß ihr Land nun „Kadhimat“ heißt und die 19. Provinz des Irak ist. Inzwischen soll fast die Hälfte der Bevölkerung, die auf zwei Millionen geschätzt wird, aus dem Emirat geflohen sein.

Während die Völkergemeinschaft ungewohnt einmütig den bedingungslosen Rückzug des irakischen Aggressors fordert, verwandelt dieser seine Beute immer mehr in einen Geisterstaat, in dem einzig irakische Regeln gelten. Bis zum 1. Oktober mußten die Kuwaiter ihre Papiere durch irakische Ausweise ersetzen. Am 6. Oktober hat auch der kuwaitische Dinar seinen Wert verloren; es gilt nun die irakische Währung. Besonders beunruhigt zeigt sich die kuwaitische Regierung im saudi-arabischen Exil über die systematische Plünderung und Zerstörung der offiziellen und privaten Einrichtungen, von Bibliotheken und Museen bis zu Krankenhäusern.

„Saddam Hussein will Kuwait als Staat völlig auslöschen und zu einer reinen Erdölförderstätte entwerten“, befürchtet ein Mitglied der Exilregierung. Die irakischen Soldaten hätten sogar Ampeln, Straßenbeleuchtung und Leitplanken abmontiert und nach Bagdad transportiert. Viele Wohnhäuser und Geschäfte auch von mutmaßlichen Mitgliedern des kuwaitischen Widerstands – der allerdings inzwischen von den Irakern weitgehend ausgeschaltet scheint – sollen in Brand gesteckt worden sein.

Trotz zahlreicher Augenzeugenberichte bleibt es schwierig, sich ein Gesamtbild der Lage im besetzten Land zu verschaffen. Keinem Journalisten ist bisher die Reise ins annektierte Emirat gestattet worden. Niemand weiß zum Beispiel, wie viele Menschenleben die irakische Invasion bereits gefordert hat. Die niedrigsten Schätzungen sprechen von mehreren hundert Opfern. Nach übereinstimmenden Aussagen Dutzender von Diplomaten und Geschäftsleuten, die in den vergangenen Wochen aus Kuwait flohen, haben Saddams Soldaten durch Folterungen, öffentliche Hinrichtungen, Festnahmen und Zerstörungen die „Verpflanzung einer ganzen Nation“ in die Wege geleitet.

In einem Bericht von amnesty international, der nach Gesprächen mit Flüchtlingen Anfang Oktober veröffentlicht wurde, heißt es, irakische Soldaten hätten Dutzende von Kuwaitern gefoltert und hingerichtet, darunter Jugendliche unter fünfzehn Jahren. Männer, Frauen und Kinder seien verhaftet worden, weil sie „oppositionelle Literatur“, die kuwaitische Flagge oder ein Bild ihres Emirs besaßen. Auf diese „Vergehen“ stehe die Todesstrafe. Kuwaiter, denen es gelang, aus irakischer Haft zu entfliehen, sprechen von Folterungen durch elektrische Schocks, schwere Schläge und Androhung von sexuellem Mißbrauch. Anderen Gefangenen seien die Knochen gebrochen sowie Finger- und Zehennägel ausgerissen worden. Ärzte, die nach der Invasion in Krankenhäusern gearbeitet haben, erzählen, daß irakische Soldaten Männer einlieferten, die mit Schüssen aus kürzester Entfernung in den Kopf getötet worden waren.

Übereinstimmend berichteten viele Flüchtlinge, daß die irakische Geheimpolizei Mukhabarat im einstigen Vergnügungszentrum Bibi Saleh eine Folterstätte eingerichtet hat. Von dort sollen allein in das Al-Rizi-Krankenhaus die geschundenen Leichen von rund 230 Menschen eingeliefert worden sein. Auch die Zahl der im Irak verstorbenen Ägypter hat sich seit dem 2. August drastisch erhöht: Gab es vorher monatlich zwischen dreißig und vierzig Todesfälle, verzeichnet das Kairoer Innenministerium nun bis zu 140 Tote.

Derweil sitzt die kuwaitische Regierung ohnmächtig im saudischen Dschidda und verspricht demokratische Reformen im eigenen Land, wenn Saddams Soldaten wieder nach Hause gegangen sind. Aber wird es zu einem irakischen Rückzug kommen, bevor der Dieb von Bagdad seine Beute ganz verschlungen hat? Gisela Dachs