Wäre es auch Fetischismus, alles, was ein Genie hervorbringt, für genial zu halten, so ist Schrift doch eine der Bildnerei zu verwandte Ausdrucksform, als daß das Interesse für die Notizen eines Malers mit der Gier des Fans nach dem verschwitzte! Trikot Maradonas zu verwechseln wäre. Wie eine Rabenmutter ihr Neugeborenes setzte der deutsche Verlag das 3300 Gramm schwere Bündel poetischer Schriften von Pablo Picasso in der Fremde aus, wegen ihrer „Bedeutung für die Picasso-Forschung“ „unverfälscht“ in der französischen Originalausgabe und nur notdürftig bekleidet mit einem dünnen Vorwort von Michel Leiris.

Aber keine Sorge, das Kind ist auch ohne den Brutkasten der Interpreten lebensfähig. Wer würde nicht gern mit Picasso Französich lernen, die Sprache, die dem Spanier seit 1900 zur zweiten Heimat wurde. Von den 340 hier gesammelten Texten ist die Hälfte auf Spanisch verfaßt und ihrer französischen Übertragung zur Seite gesetzt. Für den fehlenden Sprung über den Rhein entschädigt der Rückgang von der Transkription zum Faksimile der Handschrift. Wem die Höhen des Stils entgehen, findet Trost in der Graphologie der Wurzeln.

Ut pictura scriptura: Das Schriftbild der immer exakt datierten Notate schwankt mit der Stimmungs- und Willenslage zwischen sorgfätiger Ausmalung der Buchstaben und hingekleckster Unlesbarkeit. Die Feder biegt und windet sich und kann die Energie des Kraftprotzen nicht halten. Ut pictura poesis: Kaum ein Wort ist abstrakt. Das heißt nicht, daß wir es nur mit Sichtbarem zu tun haben. Es entsteht ein Taumel der Sinne, wenn „der betäubende Duft des Schottenmusters des honigsüßen Vogels die Milch der Sicheleuter melkt“.

Am Tag der Geburt seiner Tochter Maja schreibt Picasso: „der schnelle Schnitt des Schwertes ins Fruchtfleisch der Quitte öffnet die Hand und entläßt ihr Geheimnis...“ Über das Bombardement von Guernica: „das Glockengeläut des Frühgottesdienstes trug den Tod als getrüffeltes Geschützrohr eines gerösteten Huhns herüber...“ An die Grenze der Übersetzbarkeit rührt der „Knoblauch des Flügels“. Das versteht kaum, wer es im Original hört, man muß es sehen: „l’ail de l’aile“.

Schwerverständlichkeit schließt Übersetzbarkeit nicht aus – allerdings liegen „Finnegans Wake“ und Gertrude Steins „The Making of Americans“ der Zunft wie Steine im Magen, und es bedurfte eines Meisters wie Paul Celan, das im Fall Picassos zu beweisen („Wie man Wünsche beim Schwanz packt“). So absurd-burlesk das Ergebnis, so klar ist Picassos Methode (eine klassisch surrealistische Konstellation, es verwundert also nicht, daß André Breton den Dichter Picasso entdeckte). In einer Endloskette reiht er blumige Nomina aneinander, die durch (im Deutschen so nicht nachzubildende) Partizipien und Relativpronomen verbunden sind, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, am „Ende“ hat man längst vergessen, womit er „anfing“.

Linearer Text wird wie eine mehrdimensionale Textur behandelt, auf der das Auge frei hin- und herspringen kann. Ein bezeichnendes Merkmal seines Stils: Auf den 400 Seiten gibt es kein einziges Komma! Schöpferisches Vernachlässigen von Regeln? Mehr noch eine dezidierte Hommage an Gertrude Stein, die diesen Tick bekanntlich kultivierte. Der Picasso-Leser gerät völlig außer Atem, getrieben von dem unerschöpflichen Erfindungsreichtum eines wie gedopt wirkenden antiken Halbgotts. Von daher wird verständlich, warum Picassos poetische Tätigkeit am 20. August 1959 ebenso plötzlich endete, wie sie am 18. April 1935 begonnen hatte: Länger ist auch der ausdauerndste Hochleistungssportler nicht aktiv.

Ralf Schiebler