Von Lutz Dröscher

Im nächsten Jahr wird im wahrsten Sinne des Wortes der Vogel abgeschossen: Das Rebhuhn wird „Vogel des Jahres 1991“ – und darf trotz massiver Bestandsverluste mit Jagdschein weiterhin aufs Korn genommen werden. Der Schock, den diese Tatsache bei vielen Tierfreunden auslöst, könnte allerdings heilsam sein. Denn am Beispiel des Rebhuhns wird klar, daß weder die Jäger noch die zunehmenden natürlichen Feinde wie die Greifvögel ausschlaggebend sind für den bedrohlichen Rückgang dieser Art. Es sind vielmehr die lautlosen Veränderungen in der scheinbaren ländlichen Idylle, die das Rebhuhn zur Strecke bringen. Ähnlich wie in Großbritannien ist auch in Deutschland der Bestand von 1966 bis 1988 auf rund ein Drittel gesunken.

Stellvertretend für viele Gutachter formuliert es der Wildbiologe Hermann Ellenberg so: „Ob gejagt wird oder nicht, spielt keine Rolle. Die drastische Abnahme des Rebhuhns ist einzig auf die Veränderungen in den Anbauflächen zurückzuführen.“ Außerdem führen freiwillige Selbstbeschränkungen der Jäger dazu, daß ohnehin kaum noch Rebhühner geschossen werden. Fast jeder Grünrock, der diese Tiere noch im Revier hat, erfreut sich lieber an ihrer Gegenwart.

Ein typisches Beispiel mag den Zusammenhang zwischen Rebhuhnbestand und Landschaftsgestaltung verdeutlichen: In einem Untersuchungsgebiet wurden fünf Rebhuhnpaare festgestellt. In einem anderen, gleich großen und weitgehend vergleichbaren Gebiet waren es jedoch viermal so viele. Den Unterschied machten die Hecken. Rebhuhnarmut herrschte bei weniger als einem halben Meter Hecke pro Hektar, Rebhuhnreichtum hingegen bei etwa dreizehn Meter Hecke pro Hektar. Die Naturschützer haben den nächsten Symbolvogel nicht ohne Grund ausgeheckt: Wer ihn schützen will, der muß sich auch dafür einsetzen, daß nicht weiter die Hecken wegrationalisiert werden, um möglichst maschinengerechte Felder zu gewinnen. Die Hecken, in Norddeutschland auch Knicks genannt, sind ein einzigartiger Lebensraum für viele andere Tierarten.

Noch ein weiteres Ziel verfolgen die Naturschützer, wenn sie demnächst das Rebhuhn auf den Schild heben: den verminderten Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Auch dies ist für das weitere Schicksal der Rebhühner wichtig. Eine englische Großuntersuchung kam zu dem Schluß, daß für den Rebhuhnschutz ein sechs Meter breiter, unbesprühter Heckenstreifen am Feldrand die Mindestforderung darstelle.

Das Rebhuhn gehört zwar zur Ordnung der Hühnervögel, ist aber keineswegs ein „dummes“ Huhn. So sind zum Beispiel seine Laute sehr vielfältig und von Tier zu Tier verschieden, ähnlich wie bei den „intelligenten“ Rabenvögeln. Bereits einen Tag vor dem Schlüpfen klingt das erste Piepsen aus dem Ei. Einem seiner Laute verdankt es wahrscheinlich auch seinen Namen. Wird es aufgescheucht, dann macht es sich mit einem lauten „Rep-rep-rep“ aus dem Staub.

Rebhühner schließen sich zu revierbesitzenden Paaren zusammen und halten sich meist die Treue. Wie der schwedische Forscher Jens Dahlgren kürzlich herausgefunden hat, ist das Weibchen bei der Partnerwahl sehr wählerisch. Seine Gunst fällt im allgemeinen nicht auf jenen Hahn, der am wildesten auf seine Rivalen losgeht, sondern gilt demjenigen, der in der „Probezeit“ am besten Wache schiebt, also am aufmerksamsten nach Feinden ausspäht. Dies ist überlebenswichtig, denn das Rebhuhn, das fast rein vegetarisch lebt, hat neben dem Menschen noch manch andere Feinde, zum Beispiel Habicht und Fuchs. Wenn dann noch die nestflüchtenden Küken dazukommen, auf die auch viele kleine Räuber scharf sind, dann hilft häufig nur noch die frühzeitige Flucht in das Dickicht einer Hecke. Die erwachsenen Tiere sind zwar schnelle Flieger und erreichen etwa siebzig Kilometer pro Stunde, ihre Flüge sind jedoch in der Regel kurz.

Rebhühner sind, im Vergleich zu anderen Wildvögeln, die reinsten Legehennen. Ihre hohe Fruchtbarkeit hilft den Bestand der Art zu sichern: Mit bis zu 24 bräunlichen Eiern füllen sie ihr Nest und wiederholen diese Leistung bei Verlust notfalls noch zweimal. Üblicherweise verteidigen sie ihr Revier heftig gegen Artgenossen. Im Schneewinter hingegen schließen sich die sonst so feindlichen Familien zu sogenannten Völkern zusammen. Beim Scharren nach Futter im Schnee bilden sie dann oftmals einen Ring. Ihre Köpfe zeigen dabei nach außen, so daß jeder Vogel einen Kreissektor auf nahende Feinde überwacht. Davon profitieren alle – denn es muß nicht extra ein „Wachposten“ aufgestellt werden.