Nach der deutschen Einheit will Berlin wieder an seine Tradition als Pressemetropole anknüpfen

Von Gunhild Freese

Mit sechzig – spätestens so befand Erich Böhme, seit 1973 Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, werde er in die „Retraite“ gehen: „Einen älteren Spiegel-Chefredakteur kann ich mir nicht vorstellen.“ Ende vergangenen Jahres schied er aus. Nun, inzwischen sechzig geworden, ist Schluß mit der Retraite. Böhme hat noch einmal Großes vor: Als Herausgeber will er das ehemalige SED-Blatt Berliner Zeitung zu einer „liberalen Hauptstadtzeitung“ machen.

Vor genau zwei Wochen, nach Beschluß der ostdeutschen Parteiprüfungskommission, ist der Berliner Verlag, in dem die auflagenstarke Berliner Zeitung (derzeit 420 000 Exemplare) erscheint, auf den Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr und den britischen Verleger Robert Maxwell übergegangen. Die neuen Eigner teilen sich die Aufgaben: Während Maxwell beim Druck federführend ist, übernimmt G + J die Verantwortung für die Zeitungen und Zeitschriften des größten Verlages der ehemaligen DDR. Das sind neben der Berliner Zeitung das Boulevardblatt BZ am Abend, das Programmheft FF dabei, die Frauenzeitschrift Für Dich, die Neue Berliner Illustrierte, das Reisejournal Freie Welt sowie eine Reihe weiterer Titel. Das einstige SED-Imperium wechselte samt 1150 Mitarbeitern zum Preis von rund 270 Millionen Mark den Besitzer – eine 55-Prozent-Beteiligung am Druckzentrum der ehemaligen SED inklusive.

Attraktiver Titel

Mit der Berliner Zeitung kann Gruner + Jahr eine spürbare Lücke in der Palette seiner Publikationen füllen: Das Hamburger Zeitschriftenhaus (Titel: stern, Brigitte, Capital, Schoner Wohnen) mischte im Geschäft mit Tageszeitungen bisher nur am Rande mit. In der Hansestadt gibt der Verlag das Boulevardblatt Hamburger Morgenpost heraus. Doch eine Tageszeitung von politischem Gewicht fehlte den Blattmachern bisher. Mit dem überaus attraktiven Titel Berliner Zeitung, die in der Hauptstadt des vereinigten Deutschlands zudem über einen bedeutenden Leserstamm verfügt, wollen die Hanseaten von Berlin aus den überregionalen Blättern, der FAZ, der Süddeutschen Zeitung und der Welt, künftig Paroli bieten.

„Die Veränderungen in der DDR“, so hatte Peter Tamm, Chef des Springer-Verlags, schon früh prognostiziert, „werden die gesamtdeutsche Medienlandschaft von Grund auf ändern.“ Alle großen Verlage, so der Herr über Bild und Welt weiter, würden in der DDR „den Hebel ansetzen, um die Marktgewichte insgesamt zu verschieben“. In der Tat: Kaum eines der vielen ehemaligen DDR-Blätter bis in die tiefste Provinz hinein ist ohne westdeutsche Partner. Vor allem in den Großstädten treffen die westlichen Pressekonzerne nun direkt aufeinander.