Von Norbert Kostede

Petra Kelly hofft trotz allem auf das Unwahrscheinliche: "Eine Gruppe gewaltfreier Menschen muß das Gespräch mit Saddam Hussein suchen. Willy Brandt, Jimmy Carter, Pazifisten aus der ganzen Welt müssen dabeisein. Wir müssen den moralischen Druck auf das Regime in Bagdad verstärken. Wir müssen den Weg weisen für eine nichtmilitärische Lösung des Konflikts. Sonst steht der ganze Golf in Flammen." Die grüne Politikerin fügt allerdings hinzu: "Wen immer ich anspreche, alle sagen: Ja, prima, mach das mal – und denken sich, die Aktion ist aussichtslos."

Die Golfkrise demonstriert die Grenzen des Pazifismus hart und unerbittlich: Ein Gewaltherrscher, der jede Opposition auslöscht und die Medien gleichschaltet, kann auf moralische Skrupel verzichten. Wenn er es intelligent anstellt, verwandelt er – zumindest vor der eigenen Bevölkerung – Friedensmissionen in Propaganda-Veranstaltungen. Vor dem Boykott der Vereinten Nationen und der internationalen Streitmacht an seinen Grenzen hat das Regime in Bagdad größeren Respekt als vor dem moralischen Verdikt der Weltöffentlichkeit.

Viele Wortführer der deutschen Friedensbewegung sind ratlos, aber nur wenige gestehen es ein. "Ich bin nicht in der Lage zu beurteilen, was da unten richtig wäre", gibt der Sozialdemokrat Erhard Eppler zu, Präsident des Evangelischen Kirchentages. "Warum sollte ein militärischer Schlag gegen fünf oder sechs Zentren der irakischen Waffenproduktion ausgeschlossen sein? Sicher, das würde Menschenleben kosten. Aber muß man nicht verrückte Potentaten stoppen, wenn sie mit Völkermord drohen?"

Anders urteilt der Journalist Franz Alt. Den Chemiewaffen des Irak stünden die taktischen Atomwaffen der Amerikaner gegenüber. Schnell könnte ein konventioneller Krieg zum nuklearen und chemischen Schlagabtausch eskalieren – und den Nahen Osten verbrennen und verseuchen. "Schon das Androhen von Massenvernichtung ist unmoralisch", sagt Alt, "und unter moralischen Maßstäben sind beide Seiten gleich schlimm."

Gleich schlimm – so sieht es auch Marinekorporal Erik Larsen. Der 23jährige Reservist aus Kalifornien weigert sich, seiner Einberufung zu den US-Truppen am Golf zu folgen. In der vergangenen Woche schilderte Larsen seine Beweggründe, in denen sich die allgemeine Stimmung der Friedensbewegung spiegelt, auf einer Pressekonferenz der Grünen in Bonn. Bis kurz vor dem irakischen Einmarsch in Kuwait habe der Westen Bagdad noch Waffen verkauft; nun sei Saddam Hussein das Monster, von dem die Welt befreit werden müsse. Am Golf gehe es doch vor allem darum, einen verschwenderischen Lebensstil und die Interessen der großen Ölkonzerne zu verteidigen. Darum sieht der ehemalige Radar-Spezialist einer Hawk-Raketen-Einheit seine neue Aufgabe darin, vor dem Krieg und vor dem drohenden Einsatz der Chemie- und Atomwaffen zu warnen.

Solche Gewissensgründe sind gewiß zu achten. Aber verdienen die ehemaligen Kameraden von Erik Larsen weniger Respekt, wenn sie heute dem irakischen Aggressor und Geiselnehmer Paroli bieten?