Vier französische Historiker denken über sich und ihre Arbeit nach

Von Christa Dericum

Eine „andere“ Geschichtsschreibung hatten die Begründer der Zeitschrift Annales, Luden Febvre und Marc Bloch gefordert, einen neuen Ansatz, der die kleinen Dinge des Alltags in die Mitte stellt und nicht die großen Sachen wie Nation, Kirche, Reich. Das setzt eine andere Haltung den Gegenständen gegenüber voraus, auch und vor allem das Eingeständnis der subjektiven Wahrnehmung und Deutung.

Für die vierte Generation von Annales-Historikern sagt Pierre Nora heute, der Geschichtsforscher müsse die enge und sehr persönliche Beziehung mitbedenken, die er zu seiner Arbeit unterhält. Deshalb hat er vier seiner französischen Kollegen gebeten, ihre Erfahrungen im Umgang mit Geschichte aufzuschreiben. Pierre Chaunu, Georges Duby, Jacques Le Goff und Michelle Perrot, keiner unter 65 Jahre alt, lassen sich auf zeitgeschichtliche Selbstbetrachtung ein. Ereignisse, Wandlungen, Umbrüche ihrer Jugend, Kriegserlebnisse, Nachkriegskultur mit politischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten, Katholiken, Kommunisten, Konservativen, der Algerienkrieg, gewaltsame Unterdrückung von Völkern und Gruppen, die Hoffnungen der Revolte von 1968 und das langsame Abflauen des Kalten Krieges seitdem haben ihren Blick auf die Geschichte in verschiedener Weise geprägt. Aber auch die Debatten darüber, wie der Historiker zu schreiben habe, „mit Sympathie“ oder – wie es in Frankreich seit der Dreyfus-Affäre in radikaler Entschiedenheit hieß – „mit offenem Visier“.

Der Mittelalterhistoriker Georges Duby schränkt die Offenheit gleich ein; er trennt zwischen privatem und öffentlichem Leben und sieht zugleich die innige Verquickung beider Bereiche durch Ehrgeiz, Leidenschaften, vielfältige Interessen, Anpassung, Mogeleien, Lavieren. Jede Selbstbeschreibung birgt die Gefahr der Beschönigung, indem er die öffentliche Wirksamkeit, die Rolle, stilisiert. Der Historiker „rackert sich bei der Suche nach der Wahrheit ab, und immer entgleitet ihm die Beute“.

Kindheitsbilder

Eine Erfahrung, die allen vier Autoren gemeinsam ist. Denn Gedächtnis und Erinnerung spielen einander Streiche, die sich oft unheilvoll auswirken. Die Erzählung der Großmutter von den Kosaken, die sie wiederum von ihrer Großmutter her kannte, gruben sich tief ins kindliche Gemüt, aber auch die selbst erlebte Beerdigung eines Generals, Sieger des Großen Krieges. Die Wahrheit ist von solchen Kindheitsbildern gezeichnet. Elternhaus, Schule, die Begegnungen der frühen Jahre prägen den Historiker ebenso wie andere Menschen, auch Kriegsvorbereitungen und Kriegserfahrung. Er muß sich damit auseinandersetzen, um seinen eigenen politischen und geistigen Standpunkt zu erkennen, meint Duby.