Von Elisabeth Kaiser

Australien ist in“, schreiben sie mir aus Deutschland und belegen es mit Ausschnitten aus großen Gazetten. Tatsächlich: Nirgends hier kann ich so gründlich und gediegen etwa über die Kunst (oder das Elend) der Aborigines lesen. Von einer Studienreise zu ihren heiligen Stätten erfahre ich nicht etwa aus den Werbungen hiesiger Reisebüros, sondern aus Anzeigen deutscher Zeitungen. Daß Wim Wenders mit gigantischem Aufwand im hohen Norden von Oz das Ende der Welt ablichtet, hat hierorts noch auf keiner Kulturseite Niederschlag gefunden. Wenn mich Tagesnachrichten und ihre kärglichen Kommentare eine kranke Wirtschaft ahnen lassen, dann kommt Aufklärung garantiert mit dem nächsten Postschiff aus Deutschland. Was also berichten, wenn es mir doch immer ergeht wie dem Hasen, dem der Igel am Ziel entgegenruft: Ich bin schon da!

So stecke ich hier im westaustralischen Busch und nehme die Ereignisse um mich allenfalls aus der Froschperspektive wahr (Frösche sind in Oz nahezu ausgestorben). Was ich sehe, ist der Alltag, der mich freilich voll in Atem hält. Ein Jahr lebe ich nun schon in Australien, ein Jahr in permanentem geistigem Jetlag. Die sprachliche Verwirrung ist größer statt kleiner geworden, das anfängliche Gefühl, wie manche Sternbilder auf dem Kopf zu stehen, ist ein Dauerzustand geworden. Zwei Verallgemeinerungen führen zu Bewußtseinsspaltung: Hier ist immer Sommer. Und: Hier ist immer Weihnachten.

Üblicherweise wird das Jahr in Sommer und Winter eingeteilt. Weil der Winter tatsächlich kaum mehr als zwei, drei Monate dauert, sind mindestens acht Monate des Jahres auf das Leben im und im Wasser ausgerichtet. Noch viele hundert Kilometer landeinwärts stehen neben den Garagen die Segel- oder Motorboote. Gut denn also, immer Sommer!

Aber auch: Hier ist immer Weihnachten.

Das Christfest fällt bei den Antipoden zwar mitten in die Hochsommerzeit, aber die Assoziation Winter ist offenbar auch für die Aussies nicht zu überwinden, deren harter Kern ja aus Großbritannien kam. Natürlich feiern sie, wie alle Welt, Weihnachten am 25. Dezember. Was Rechtes scheint es aber doch nicht zu sein, wenn man, statt in stickigen Zimmern zu singen, viel lieber im heißen Strand sitzen und Eis lutschen möchte. Das Schlagwort also ist: „Weihnacht im Juli!“ Warum nicht? Im Juli ist es am kältesten. Gastronomiebetriebe und Ferienorte rühmen sich ihrer ,traditionellen“ Weihnachtsmenüs an offenen Kaminen – mit gefülltem Truthahn, brennendem Plumpudding und Grog am prasselnden Feuer. Aber ist das schon „Weihnacht“?

Im September dann veranstaltet man „Mad Hatter’s Christmas Appeal“ – Teeparties, auf denen man für einen Dollar eine Narrenmütze erwirbt und damit beiträgt zum Wohle der Notleidenden, die an Weihnachten beglückt werden sollen. Basare, Baby-Schönheitswettbewerbe, Glückwunschkartenangebote, alle tragen sie jahraus, jahrein das Xmas-Zeichen.