Indien hat das kommende Jahr zum „Visit India Year“ ernannt, um mehr Touristen zu gewinnen. Kritiker warnen jedoch vor einer Vermarktung kultureller Werte.

Eine unzureichende touristische Infrastruktur in weiten Bereichen des indischen Subkontinents hat bisher verhindert, daß dieses Land in gewünschter Höhe am Fremdenverkehr verdienen kann. Gezielte Investitionshilfen der Regierung sollen diesen Mangel beseitigen, weil Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftszweig werden und Deviseneinnahmen sichern soll.

Indien mit seiner reichen, in religiöser Tradition wurzelnden Folklore, dessen kulturelles Erbe sich in prächtigen Tempeln und Palästen dokumentiert, hat Gästen einiges zu bieten. So finden sich in dem Programm für das nächste Jahr unter anderem ein Elefanten-Marathon, eine Yoga-Woche sowie zahlreiche Feste, die mit Tänzen und Musik des Landes vertraut machen sollen. Deutsche Reiseveranstalter wollen das Interesse an Indien mit preisgünstigen Angeboten stimulieren.

Daß einige unter ihnen bemüht sind, ihren Kunden möglichst viel Exotik zu bieten, hat jedoch schon jetzt zu bedenklichen Begleiterscheinungen geführt, wie sich am Beispiel Sikkims dokumentieren läßt. Nachdem siebzehn Jahre strenge Einreisebestimmungen gegolten hatten, wurden sie im Februar gelockert. Zwar beschränkt sich der Bewegungsradius der Ausländer noch immer auf den Südwesten und die Zentralregion des Landes mit einer Vielzahl von Klöstern am Fuß des Kanchenjunga-Berges. Dennoch sind negative Auswirkungen nicht zu übersehen. Im Kloster Rumtek nahe der Hauptstadt Gangtok laufen Touristen ungehindert durch die Reihen betender Mönche und stören die Meditation buddhistischer Novizen mit dem Blitzlichtgewitter ihrer Kameras.

Karma Gyatso, der Tourismusminister Sikkims, denkt jedoch nicht an eine Besucherbeschränkung, wie sie für die Klöster Bhutans gilt. Weil, wie er meint, dann nur noch ein paar Trekker, aber keine zahlungskräftigen Touristen in den Himalaya-Staat finden würden.

Besonders heikel erscheint das Vorhaben indischer Agenturen, Touristen zu einigen jener 62 Stämme zu führen, die bisher völlig zurückgezogen und in nahezu urzeitlichem Zustand in den Wäldern Orissas im Osten Indiens leben. Mit diesem Ansinnen konfrontiert, zeigt sich Pushkar Kumer Dong, Direktor des Indischen Fremdenverkehrsbüros in Frankfurt, schockiert. Er verweist darauf, daß der Lebensraum jener Stämme bisher nur Wissenschaftlern zugänglich war. Mit der Constitution of India aus dem Jahr 1950 verpflichte sich die Regierung, für den besonderen Schutz dieser Bevölkerungsteile zu sorgen.

Kritik hatte es in den zurückliegenden Jahren auch immer wieder in der Region um die westindische Stadt Goa gegeben. Dort führte der stürmische Ausbau des Tourismus zu harten Konfrontationen, weil das Urlaubsgebaren der westlichen Besucher, wie beispielsweise das Nacktbaden, gegen den Sittenkodex der Bevölkerung verstieß. Hinzu kam, daß der enorme Energiebedarf der Touristenareale Wasser und Strom knapp werden ließ. Inzwischen beschränkte die World Tourism Organization (WTO) die Bettenzahl auf 160 000, doch erscheint auch diese Zahl Tourismuskritikern als zu hoch.