Nach der Ehrung aus Oslo: mehr bissige als freudige Kommentare

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Oktober

Alle Welt feierte den Nobelpreisträger Michail Gorbatschow – die Sowjetunion nicht. Die Kommentatoren der offiziellen Morgenzeitungen schwiegen am Dienstag so verlegen wie die meisten ihrer konservativen Kollegen in der Bundesrepublik vor neunzehn Jahren, als Willy Brandt ausgezeichnet worden war. Das Fernsehen wagte es am Montag abend nicht, Normalbürger auf der Straße zu befragen, weil der vernichtende Refrain gelautet hätte: „Was kann ich mir dafür kaufen?“ Wenigstens lief die Frage des Reporters D. Kisseljow an den gerade Geehrten über die Bildschirme: „Bis jetzt haben den Preis nur oppositionelle osteuropäische Politiker erhalten wie Walesa und Sacharow. Wie fühlen Sie sich in einer solchen Gesellschaft?“ Gorbatschow: „Ich fühle mich sehr gut, weil die Zeit der Preisverleihung zeitlich mit dem übereinstimmt, was wir ‚ein anderes Europa‘, ‚eine andere Sowjetunion‘, ‚eine andere Welt‘ nennen.“

Für „ein anderes Europa“, für „eine andere Welt“ hat der Missionar eines Jahrhundertwandels die Auszeichnung erhalten – als feierlichstes Signum, daß der Westen seine Feindbilder von der Sowjetunion überwunden hat. Für „eine andere Sowjetunion“ hat Michail Gorbatschow gefochten – aber bisher nur erreicht, daß das Land seine Feindbilder von außen nach innen gekehrt hat. Auf welch tragische Weise der Reformator den Anschluß an die von ihm selbst ausgelöste, unvermeidbare Partikularisierung der Sowjetgesellschaft verloren hat, zeigt auch die rüde Gleichgültigkeit, mit der die auseinanderstrebenden Gruppierungen gleich nach der Botschaft aus Oslo wieder zur Tages-Unordnung übergingen.

Mit halb kühlem, halb apokalyptischem Unterton kommentierte einer der scharfsinnigsten jungen Analytiker, die jetzt in Scharen die KPdSU verlassen und Parlament wie Privatunternehmen bevölkern: „Die Entscheidung kam zur rechten Zeit. Im nächsten Jahr wird der Westen Gorbatschow wahrscheinlich bereits wegen Bürgerkrieges anprangern. Die Entscheidung war gut, denn Gorbatschow hat eine gefährliche Supermacht zerstört. Die Entscheidung ist belastend für den Westen, denn von der Schwäche der Sowjetunion droht ungewollt, aber real eine größere Gefahr als von ihrer Stärke. Und die Entscheidung wird sich im Innern nicht entlastend auswirken: Viele Bürger werden ihre Ablehnung Gorbatschows nun damit begründen, daß er innenpolitisch so viel versäumt habe, weil er sich von außenpolitischen Interessen leiten ließ, die dem Lande keine besseren Lebensbedingungen gebracht haben.“

Erfolg auf der Weltbühne