Der rapide Verfall der Aktienkurse in Tokio hat Folgen für die internationalen Finanzmärkte

Von Helmut Becker

Vor gut einem Jahr warnte das angesehene amerikanische Forschungsinstitut Rand in einer Studie über Japans Boombörse vor den schlimmen Folgen einer Kurskorrektur für Nippon und die Weltfinanzmärkte. „Einen Markteinbruch um 25 Prozent würde die japanische Wirtschaft nur schwer verkraften und auf den internationalen Kapitalmärkten Panik auslösen“, unkte die Rand-Studie. In Japan wurden die ausländischen Kassandrarufe belächelt. Ein Kurssturz von 25 Prozent, er hätte damals rund 150 Billionen Yen oder kaum vorstellbare 1760 Milliarden Mark bedeutet, überstieg die Phantasie selbst der wenigen Pessimisten des japanischen Finanzmarktes.

Inzwischen hat die Börsenrealität in Tokio die schlimmsten Befürchtungen weit übertroffen. Aber von internationaler Panik ist bisher noch wenig zu spüren, so als „handele es sich bei Tokio um einen obskuren Exotenmarkt“, wie die Wirtschaftszeitung Nippon Keizai Shimbun etwas indigniert über das weltweite Desinteresse an Japans Börsen-Entwicklung schrieb.

Die Konturen des Desasters: In den ersten neun Monaten des Jahres, in denen der Nikkei-Leitindex 48 Prozent verlor, wurde am Kabutocho ein Aktienvermögen von 295 Billionen Yen vernichet, umgerechnet knapp 3500 Milliarden Mark oder gut das Siebenfache der Kapitalisierung aller deutschen Aktien. „Einen Kursverfall dieses Ausmaßes hat Japan noch nie erlebt“, konstatierte das marktführende Brokerhaus Nomura See. Anfang Oktober und rechnete vor: „Zwischen 1961 und 1965 rutschte der Index um 44 Prozent in vier Jahren, nicht aber in nur neun Monaten.“

Obwohl sich Index und Kurse an der inzwischen wieder zur zweitgrößten Weltbörse nach Wall Street degradierten Fernostbörse seit dem Jahrestief am 1. Oktober gefangen haben, ist die Angst vor einem erneuten melt-down, einem unkontrollierten Zusammenbruch, geblieben.

Brüchiger Mythos